HEMISPHÄREN-SYNCHRONISATION

Dr. Rudolf Kapellner

Mit der Verbreitung von Mind Machines in den letzten Jahren trat auch der Begriff der "Hemisphären-Synchronisation" in die Öffentlichkeit.

Dabei wird von den Proponenten dieser Idee folgender Vorgang vermutet:

Die beiden Gehirnhälften (Hemisphären) werden durch bestimmte Ton- und Lichtsignale synchronisiert. Dadurch sollen verschiedene Vorgänge im Gehirn besser aufeinander abgestimmt werden, was eine vollständigere Ausnutzung unseres Gehirn verspricht.

Über diese neurophysiologisch orientierte Verwendung des Begriffes "Synchronisation" hinausgehend wird dieser Begriff auch noch für viele andere Erscheinungen und Hoffnungen angewandt, welche mit dem Gehirn wenig oder gar nichts mehr zu tun haben - er ist zu einem Modewort geworden.

Diese Vermutung konnte sich in der Öffentlichkeit deswegen so verbreiten, weil einige Jahre davor ein neues Gehirn-Modell entwickelt wurde: Das Hemisphären-Lateralisation (Dominanz)-Modell, ein Modell der Funktionsweise unseres Gehirns, welches von drei Behauptungen ausgeht:

1) beide Gehirnhälften erfüllen unterschiedliche Tätigkeiten, welche klar getrennt beschrieben werden können

2) unsere (kulturelle) Prägung der Gehirntätigkeit beinhaltet eine übermäßige Aktivierung der linken Hälfte bei gleichzeitiger Unterdrückung der rechten (Hypertrophie, Linkslastigkeit, M. Odent).

3) beide Gehirnhälften arbeiten daher nicht synchron und behindern sich gegenseitig.

Dieses Modell wurde von Ornstein sehr stark propagiert. Allerdings verwendete Ornstein selbst zur Beschreibung der unterschiedlichen Hemisphären-Tätigkeiten damals immer wieder Formulierungen wie "so könnte es möglicherweise sein" etc. Nachfolgende Autoren wandelten im Laufe der Jahre das "könnte" zu einem "so ist es" um. Viele populärwissenschaftliche Bücher gingen in der Folge sehr großzügig mit diesen "Tatsachen" um, indem sie sie einfach unhinterfragt als gegeben übernahmen. Noch heute finden sich medizinische Lehrbücher für Universitäten, wo die Zuordnung von bestimmten Fähigkeiten zu den beiden Hemisphären als gesichert und gegeben beschrieben wird.

Dieses Gehirn-Modell war auch Gegenstand vieler wissenschaftlicher Untersuchungen, welche einen Höhepunkt in einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz über die "Hemisphären-Lateralisation" in München, Herbst 1988 fand. Bei dieser Konferenz wurde allerdings sehr deutlich, daß :

1) die tatsächlich gesicherten wissenschaftlichen Ergebnisse sehr mager waren

2) für viele Hypothesen meist gleichzeitig verschiedene, oft gegensätzliche Bestätigungen gefunden wurden

3) kulturelle Unterschiede (Japan/Europa) zeigten, daß die eindeutige Zuordnung der beiden Hemisphären zu unterschiedlichen Gehirn- Tätigkeiten nicht aufrechterhalten werden kann.

Es dauert nun einige Zeit, bis ein neues wissenschaftliches Modell des Menschen und seines Gehirns in das öffentliche Denken der Bevölkerung eindringt. Die Vorstellung, daß unser Gehirn stark spezifiziert ist, und möglicherweise "nicht synchron" arbeitet, führt wie selbstverständlich zur Suche nach Methoden, wie dieser "Mangel" behoben werden könnte. Und so entstanden (vor allem in den USA) rasch Lösungswege, die eine Behebung dieses "Mangels" versprachen. Eine Reihe von Produkten, Seminaren und Trainings war die Folge.

Nun stellte sich bei verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen in Europa heraus, daß diese angepriesenen Methoden zur "Hemisphären-Synchronisation" nicht die erwünschten Erfolge erzielten - es konnte keine reale Synchronisation festgestellt werden. Im Gegenteil, die Ergebnisse zeigten vielmehr, daß die vorhergesagte unterschiedliche Hemisphären-Tätigkeit gar nicht so unterschiedlich war; und daß die beiden Hemisphären ohnehin sehr gut miteinander kommunizieren (und das sicherlich bereits seit Millionen von Jahren). Von einer Notwendigkeit, die beiden Gehirnhälften zu "synchronisieren", also keine Spur !

Als letzter Höhepunkt in der Hemisphären-Diskussion erschien Ende 1989 ein Buch von Ornstein (eben jener Ornstein, welcher vor mehr als 10 Jahren das alte Dominanz-Modell stark propagiert hatte), in welchem Ornstein selbst von der starren Hemisphären-Zuordnung abgeht und ein neues, vielfältigeres und komplexeres Modell des Gehirns vorstellt: "Multi Mind". Damit dürfte ein vorläufiger Schlußpunkt unter die lange Kontroverse, welche Gehirnhälfte nun welche Fähigkeiten hat, gesetzt worden sein. Und gleichzeitig damit wurde auch den Befürwortern der "Hemisphären-Synchronisation" ihre (anscheinend) wissenschaftliche Grundlage entzogen.

Nun ist es zu einfach zu sagen: Die Wissenschaft bewegt sich weiter und entdeckt eben immer neue Aspekte. Vielmehr sollten die Begleitumstände und Hintergründe dieser Entwicklung durchleuchtet werden, damit ein weiter gefaßtes Verständnis des menschlichen Gehirns und Bewußtseins entstehen kann.

Die Aussage der Wissenschaft, daß sie "wertfrei" und "objektiv" sei, kann spätestens nach Th. Kuhn's Arbeit über die Paradigmen nicht mehr aufrechterhalten werden. Vielmehr ist davon auszugehen, daß (auch) die Wissenschaft Teil des geistigen/ kulturellen/ ökonomischen Gefüges ist, welches wir Gesellschaft nennen, und sich mit diesem auch mitverändert. So kann z.B. Darwin's Lehre von der Auslese als evolutionäres Prinzip auch als wissenschaftliche Unterstützung des jungen, aufstrebenden Kapitalismus gesehen werden (siehe "Die zweite Genesis").

Jede wissenschaftliche Aussage muß daher in ihrem soziopolitischen Rahmen gesehen werden, und kann nicht für alle Zeiten ewige Gültigkeit haben.

Was sind nun diese äußeren Begleitumstände der Idee der "Hemisphären-Synchronisation" ?

Tatsache ist, daß mit den am Markt angebotenen Kassetten und Methoden zur "Hemisphären-Synchronisation" ein bestimmtes persönliches Erleben verbunden ist, welches nicht geleugnet werden kann. Durch die "wissenschaftliche" Untermauerung wird versucht, ein subjektives Erleben rational begreifbar zu machen. Daher geht es um diese "Rationalisierung" des individuellen Erlebens, welches im Rahmen der großen politischen globalen Zusammenhänge in einem völlig anderen Licht erscheint.

Lange bevor die Thesen der Gehirnhälften Verbreitung fanden, schrieb Teilhard de Jardin über die "Noosphäre" des Planeten Erde; dabei stellt er eine Analogie her zwischen dem Planeten Erde als Organismus, dem Nervensystem dieses Organismus', und der Menschheit, welche die Rolle dieses Nervensystems und des Gehirns in diesem Organismus Erde spielt ("Der Mensch im Kosmos").

Nach dem zweiten Weltkrieg entstand eine gewaltige Trennung der Menschheit in zwei große Blöcke, nämlich in die zwei Supermächte USA und UdSSR. Die Analogie de Jardin's übertragen auf diese Aufsplitterung ergibt, daß die westliche "Hemisphäre" des Planeten Erde der linken des Gehirns entspricht, und die östliche "Hälfte" der rechten des Gehirns. Verschiedene Wissenschafter und Philosophen der letzten Jahre haben diese de Jardin'sche Analogie aufgegriffen und detaillierter ausgeführt (Odent, Keyserling, Russell).

Wie sehr das vorherrschende Weltbild im realpolitischen (zwei sich bekämpfende Supermächte, welche sich gegenseitig Unterdrückung vorwerfen) und im wissenschaftlichen (zwei Gehirnhälften, welche ganz unterschiedliche Fähigkeiten haben, schlecht miteinander kommunizieren und eine unterdrückt die andere) ident ist, wird durch Betrachtung der weltpolitischen Verhältnisse der 70iger und 80iger Jahre augenscheinlich.

Das Finale des weltpolitischen und wissenschaftlichen Gleichschrittes eröffnete sich uns in Europa in den letzten Monaten des Jahres 1989:

Der für die meisten unerwartet rasche Zusammenbruch der kommunistischen Regierungen im Warschauer Pakt leitete einen rasanten Zerfall dieses Machtblockes ein, welcher heute bereits Geschichte geworden ist. Dabei wurden die vorher in unserer Weltsicht gleichgeschalteten Ostblockstaaten plötzlich zu eigenständigen politischen, nationalen und ethischen Einheiten, welche selbst wieder ein buntes Gefüge vieler verschiedener Völker darstellen.

Die aufregende Analogie zeigt sich nun in Ornstein's Publikation über sein neues Gehirn-Modell: Für ihn gibt es nicht mehr (wie bisher) zwei gegenüberstehende Hemisphären (links-rechts, west-ost), sondern ein neues Konzept eines "Gemeinschafts-Minds", der sich aus vielen, unterschiedlichen "little minds" zusammensetzt. Diese wiederum gestalten in ständigem Wechsel unser Erleben und unser Bewußtsein.

Daß beide Veränderungen (politisch und wissenschaftlich) im Herbst 1989 nahezu gleichzeitig auftraten, ist eine Koinzidenz sondergleichen, und bedarf eigentlich keiner weiteren Erläuterung. Daß sich gemeinsam und gleichzeitig unser geopolitisches wie auch das cerebrale Weltbild grundlegend verändern, läßt auch eine neue Analogie auf dem Boden der genialen de Jardin'schen Noosphären-Analogie entwickeln: Die vielen Völker, welche jetzt nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit streben, könnten allzu leicht als die vielen nebeneinander agierenden "little minds" von Ornstein interpretiert werden.

Gehen wir nun davon aus, daß auch diese Analogie dem allgemeinen Denken entspricht; dann bedeutet das, daß dieses neue wissenschaftliche Modell Ornstein's auch nur Ausdruck unserer geopoliti-schen Verteilung ist. Und so wie das starre Gehirn-Modell zu fallen beginnt, so verändert sich auch unsere politische Welt-Wirklichkeit. Für diejenigen unter uns, die glauben, daß nur der Osten sich verändert, und das westliche System als das "bessere" übrig bleibt, kann nur darauf hingewiesen werden, daß wir ZWEI Gehirnhälften haben. Wenn sich nämlich das Bild der zwei Gehirnhälften verän-dert, im Real-Politischen jedoch nur der Osten einen Wandel beginnt, so kann ruhig angenommen werden, daß eine vergleichbare Änderung auch mit der "linken" Welthemisphäre, dem Westen, gesche-hen wird.

Und letztlich kann für unsere Wissenschaftstheorie ein neuer Ansatz vorgeschlagen werden (wie es ja in der Quantenphysik bereits geschehen ist): So wie wir Menschen uns selbst sehen wollen, so werden wir auch unser Gehirn sehen, und die Wissen-schaft wird uns (wie immer) dabei recht geben.

Ebenso wie wir uns als Menschheit auf diesem Planeten organisieren, so werden wir auch unser Gehirn sehen und verwenden - und umgekehrt.

Eine letzte geo-psychologische Spekulation über die Idee der "Hemisphären-Synchronisation" mag noch angefügt werden - vielleicht auch, um einen positi-ven Aspekt dieser an sich so unwissenschaftlichen Behauptung zu finden.

Gehen wir noch einmal von den Überlegungen aus de Jardin's Noosphäre, oder Russell's Gäa-Bewußt-sein, oder Arnold Mindell's "Im Jahr Eins" aus. Dann haben wir Menschen ein kollektives Unbewußtes, das uns Menschen in unserem Tages- und Wach-bewußtsein ständig beeinflußt und leitet. In diesem kollektiven Unbewußten ist eine Spaltung der Menschheit in zwei Machtblöcke mit der ständigen Bedrohung eines planetaren Holocaust ein uner-träglicher Streß-Zustand, welcher heftig nach Erleichterung und Auflösung drängt. Wenn wir Menschen also unser Gehirn genauso sehen, wie wir uns auf diesem Planeten organisieren, dann mag eine "Reorganisation" als Menschheit einer "Reorganisation" unseres Gehirns entsprechen. Die kollektive Sehnsucht, diesen unerträglichen Streß des drohenden atomaren Holocausts zu beseitigen mag einem individuellen Schritt zur "Hemisphären-Synchronisation" entsprechen. Indem wir also an eine "Synchronisation" unseres Gehirns denken, entwickeln wir (kollektiv unbewußt) neue Strukturen für unsere Organisation als Menschheit auf diesem Planeten. Auf diese Weise bilden wir einen Teil eines unbewußten Gegengewichtes zur globalen militäri-schen Polarisation, und stärken auf ebendieselbe unbewußte Weise diejenigen Bestrebungen, dieses Ungleichgewicht wieder zu balancieren.

Darin mag ein positiver Aspekt der Verbreitung der Ideen zur "Hemisphären-Synchronisation" zu sehen sein - sicherlich sehr spekulativ, und wenn schon nicht real-materiell, sodoch mental-geistig.

Grundsätzlich könnte dennoch eine Möglichkeit bestehen, daß das Modell der Hemisphären-Synchronisation als ein neurophysiologisch sinn-volles Modell bestätigt werden kann, obwohl alle bisherigen Hard-Data dagegen sprechen. Daher soll diese grundsätzliche Möglichkeit nicht ausgeschlos-sen werden, muß aber auf jeden Fall durch eine Reihe gesicherter Daten gestützt und verifiziert werden. Erst eine systematische und sicherlich langwierige experimentelle und wiederholbare Studie würde eine glaubhafte Bestätigung abgeben. Bis dahin sollte meines Erachtens auf populistisch simplifizierte und irreführende Modelle lieber verzichtet werden.