POTENTIALE UND WIRKUNG KÖRPEREIGENER DROGEN
Dr. Josef Zehentbauer
Ob wir uns ärgern, oder ob wir glücklich sind, ob wir uns entspannen, oder hyperaktiv sind, ob wir voller Kreativität sprühen, oder Lust auf Sex haben - all dies zeigt sich auch bio-chemisch: Es sind winzige Botenstoffe, kleinste Moleküle, die in unserem Gehirn und im gesamten Körper hin- und hereilen, von einer Nervenzelle zur anderen, von einem Organ zum anderen.
Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse beweisen: All unsere Gefühle und Gedanken, unser Wahrnehmen und Handeln werden von diesen Boten-Molekülen (= Neuro-Transmitter, = körpereigene Drogen) begleitet, getragen, weitergeleitet, "verarbeitet". Ohne Botenstoffe ist Denken und Fühlen nicht möglich. Diese Neurotransmitter sind die körpereigenen Drogen.
Jeder hat körpereigenes Morphium in seinem Körper, eigene kokain-ähnliche Stoffe, hirneigenes LSD, eigenes Valium, eigene Antidepressiva oder Phantastika oder Aphrodisiaka. Die körpereigene Apotheke bietet weit mehr Möglichkeiten als die Pharmaindustrie anbieten kann.
Die Entdeckung der körpereigenen Drogen ist einer der sensationellsten und faszinierendsten Erfolge der Humanwissenschaften im ausgehenden 20. Jahrhundert. Jeder Mensch verfügt über eine Riesenauswahl an körpereigenen Drogen, und jeder kann selbst sehr gezielt diese mobilisieren: zur Stimulierung, Ekstase, Kreativität und Beruhigung - bislang ungeahnte Möglichkeiten eröffnen sich.
Diese gezielte Selbst- bzw. Eigenstimulation von spezifischen Botenstoffen mittels somato-psychischer Techniken (ohne Medikamente, ohne exogene Drogen) kann die Grundlage einer völlig neuen Wissenschaft werden, in deren Mittelpunkt das eigene Gehirn steht. So kann jeder zum Pionier der eigenen Hirnforschung werden und darüber hinaus bislang brachliegende Dimensionen nutzbar machen.
Aber: Es ist - zumindest anfangs - bequemer, eine Psychopharmaka-Pille oder Psychostimulans oder eine andere exogene (von außen zugeführte) Droge zu sich zu nehmen, als mit Hilfe mentaler oder somatischer Techniken die körpereigenen Drogen zu mobilisieren. Denn die körpereigenen Drogen lassen sich nicht per Knopfdruck steigern.
JEDER IST MORPHINIST - DIE ENTDECKUNG DER ENDORPHINE
Um Funktion und Bedeutung unserer vielfältigen körpereigenen Drogen besser zu verstehen, sollen vorab die körpereigenen Morphine, die Endorphine (endogenes Morphium) genauer dargestellt werden.
Als ich als junger Arzt in einer chirurgischen Notfall-Ambulanz arbeitete, erstaunte mich immer wieder folgendes Phänomen: Schwerst Unfallverletzte mit klaffenden Wunden und Mehrfach-Frakturen an Armen und Beinen wurden nicht selten bei vollem Bewußtsein eingeliefert, wirkten relativ ruhig und klagten nicht über Schmerzen, sie erkundigten sich über das Schicksal ihrer Mitfahrer oder über das Unfallauto. Früher erklärte man diese wundersame Schmerzfreiheit etwas nebulos mit "streßbedingter Analgesie" (Schmerzfreiheit). Mittlerweile weiß man, daß der Mensch in der Lage ist, ungeheure Mengen körpereigener Morphine in Sekundenschnelle zu produzieren und so Analgesie und Ruhe herzustellen. Ein phantastischer physiologischer Vorgang, ohne den wir nicht überleben könnten.
Noch ein anderes, allgemein bekanntes Beispiel zeigt die existentiell wichtige Rolle des körpereigenen Morphiums: Während der Schwangerschaft und der Geburt treten naturgemäß immer wieder Streßzustände und Schmerzsensationen auf. Besonders eindrucksvoll dämpfen die reichlich vorhandenen Endorphine während der Entbindung die Schmerzen, wirken angstlösend und beruhigend.
Erheblich erhöhte Endorphinkonzentrationen im Blut werden auch bei Fakiren während ihrer Übungen und bei ekstatischen Feuertänzen gemessen und, um ein Beispiel aus der Tierwelt zu nennen, bei Kamelen während der Arbeit in der Wüste. Schließlich können Akupunktur oder Akupressur ebenfalls Endorphine in die Höhe treiben, was den analgetischen und entspannenden Effekt mitbewirkt.
Ein Rätsel beschäftigt schon seit Jahrzehnten die Hirn- und Pharmaforscher: von Opium oder Morphium, von Heroin oder anderen Opiaten reichen wenige tausendstel Gramm, um einen Menschen schmerzfrei oder euphorisch zu machen. Diesen großen Effekt bei niedrigster Dosis erklärte man sich damit, daß Opium und Morphium an spezifischen Rezeptoren (“Empfangsschalter”) an der Oberfläche von Zellen andocken und so ihre Wirksamkeit entfalten. Nun war kaum anzunehmen, daß der Mensch mit Morphium-Rezeptoren geboren wird, die dann mit dem Opiumsaft aus der Mohnpflanze spezifisch reagieren würden. Vielmehr war anzunehmen (und die spätere Forschung bestätigt dies), daß der Mensch selbst von der "Schöpfung" mit körpereigenem Morphium ausgestattet ist.
Um bewußt das eigene Endorphin-System anzukurbeln, muß man nun keineswegs einen Unfall provozieren, es gibt natürlich weit sanftere Methoden, um in den Genuß des individuell zubereiteten Morphiums zu kommen.
KÖRPEREIGENE DROGEN - NERVENZELLEN - GEHIRN
Die körpereigenen Drogen werden zwar im gesamten Körper produziert und, in unterschiedlicher Zusammmensetzung, in allen Organen, doch das Gehirn ist mit Abstand der größte Drogen-Fabrikant im Menschen. Die wenigsten Menschen haben eine Vorstellung von der Struktur und der Funktionsweise ihres wichtigsten Organs, ihres Gehirns, daher die folgenden (kurzen) Darstellungen.
Wenn man Schädelknochen und die Hirnhäute entfernt, dann ähnelt das Gehirn mit seinen groben Windungen und feinen Furchen einer Walnuß ohne Schale. Die gesamte Oberfläche des Gehirns wird von einem ziemlich klaren Flüssigkeitsmantel umgeben. Das Gehirn ist gewissermaßen von einem "Wasserkissen" umgeben, das heißt, von "Nervenwasser" (Liquor) umspült. Der Liquor dient nicht nur als Schutz, er trägt auch zur Ernährung des Gehirns bei. Ebenso schwimmen viele Boten-Moleküle im Liquor. Im Laufe der jahrmillionenlangen Evolution vom Lurch bis zu den Säugetieren und schließlich bis zum Menschen ist das Gehirn nicht nur größer, sondern auch differenzierter geworden. Zum ursprünglichen Stammhirn, mit dem auch die (entwicklungsgeschichtlich gesehen) "einfacheren" Tiere ausgestattet sind, entwickelte sich bei den "höheren" Tieren zusätzlich das Zwischenhirn und schließlich das Großhirn, das beim Menschen mit unzähligen Milliarden Neuronen (Nervenzellen) kosmische Kapazitäten erreicht.
Stammhirn und Zwischenhirn gewährleisten - jedes für sich - die lebensnotwendigen biologischen Grundfunktionen des Körpers (Atmung, Stoffwechsel, Kreislauf, etc.). Im Randgebiet des Zwischenhirns, an der Grenze zum Großhirn, liegt das Limbische System, das alles beherrschende Zentrum unserer Emotionen. Die Großhirnrinde ist der Sitz der Lern-, Sprech- und Denkfähigkeit. Der Botenstoff Acetylcholin spielt zwar im gesamten Körper eine große Rolle, doch in der Großhirnrinde ist er besonders üppig vertreten. Dort ist er jene körpereigene Droge, die Lernfähigkeit und Gedächtnis ermöglicht. Ohne Acetylcholin können wir Neues nicht lernen, ohne Acetylcholin verlieren wir unser Gedächtnis.
Im Mittelhirn, einem Teil des Stammhirns, werden andere, überaus wichtige Botenstoffe produziert: der Phantasie und Kreativität fördernde Botenstoff Dopamin und die leistungs- und stimmungshebende körpereigene Droge Noradrenalin. Eine zentrale Produktionsstätte für das bereits beschriebene körpereigene Morphium liegt im Thalamus, einem Bezirk des Zwischenhirns.
Es ist uns kaum bewußt, daß unser Gehirn, und in anderem Ausmaße auch die anderen Organe, hochdifferenzierte Drogen-Produktionsstätten sind. Dies sind körpereigene Drogen, die unser Leben erst ermöglichen und die uns allgegenwärtig zu kleinen wie gigantischen Leistungen befähigen.
AKTIVES IMAGINIEREN
Das Aktive Imaginieren ist eine Technik, die sich besonders gut zur gezielten Freisetzung von körpereigenen Drogen eignet. Imaginieren heißt, eine bildhafte Vorstellung, ein inneres Bild zu entwickeln. Wir alle kennen das: Wir denken an unseren letzten Ferienort, an unseren besten Freund, oder an unser Elternhaus, und sofort taucht ein fotographieähnliches Bild oder eine filmähnliche Bildsequenz in uns auf. Sofort haben wir, wenn wir an eine bestimmte Person denken, eine Art Gedanken-Foto vor unserem inneren Auge. Diese Fähigkeit zur bildhaften Vorstellung läßt sich gezielt einsetzen.
Das jeweilige Bild, das wir uns in unserem Inneren vorstellen, setzt ein spezifisches Muster an Botenstoffen frei: sonniger Strand und ruhiges Meer ist ein Bild, das Entspannung bringt und so sedierende Botenstoffe wie Endovalium und Serotonin freisetzt. Versucht man sich in seinem inneren Kino besonders emsige, hyperaktive Situationen vorzustellen, dann lassen sich damit Noradrenalin, Dopamin, Adrenalin, die Schilddrüsenhormone, Acetylcholin, etc. freisetzen. Allein durch die Betrachtung dieser inneren Bildsequenzen wird man deutlich munterer, aktiver und kreativitätsfreudiger. Übung ist auch hier (wie so oft) der Meister zum Erfolg.
Oder anders gesagt: Ähnlich wie Lesen, Schreiben oder Radfahren durchaus mühsam erlernt werden müssen, muß auch die gezielte Aktivierung von körpereigenen Drogen lernend und allmählich sich einprägend erworben werden.
Die wichtigsten, derzeit bekannten, körpereigenen Drogen, nochmals kurz aufgelistet:
- Noradrenalin:
bringt Aktivität und Leistung, vertreibt Depression - Dopamin:
bringt Hyper-Phantasie und kreativen Rausch - Endorphine:
nehmen den Schmerz und machen high - Acetylcholin:
der Stoff aus dem Gedanken und Gedächtnis sind - Oxitocin und Geschlechtshormone:
machen uns sexy, sorgen für Lust - Endovalium:
entspannt im Hier und Jetzt - Körpereigenes LSD:
eine Reise in die Welt der Träume
Im Buch "Wie der Geist überlegen wird" von Gerd Gerken und Rudolf Kapellner ist ein umfangreicher Beitrag von Josef Zehentbauer enthalten. Für jene, die sich tiefer einarbeiten wollen, hier ein Buchtip:
Josef Zehentbauer, "Körpereigene Drogen", Artemis & Winkler Verlag, München 1992
Artikel aus: Focus Newsletter Nr. 4/1993, S. 9-11 (Dez. 1993)
