FOCUS UMFRAGE: BRAUCHEN WIR NEUE RITUALE? (Teil 1 / Teil 2)
Braucht der Mensch Rituale? Was bedeuten sie für unser Leben heute? Können traditionelle Rituale einfach übernommen werden? Oder müssen wir neue, zeitgemäße schaffen? Wie könnten Rituale der urbanen Bewußtseinskultur ausschauen? Wir haben uns mit diesen schwierigen Fragen an Menschen gewendet, die beruflich und privat mit dem Thema Rituale vertraut sind, und um den Versuch einer Beantwortung gebeten. Auf den nächsten Seiten finden Sie das Ergebnis dieser kleinen FOCUS-Umfrage, eine äußerst interessante Sammlung von grundsätzlichen, gegensätzlichen und zum Teil auch sehr persönlichen Perspektiven und Stellungnahmen
ADOLF HOLL
Religionswissenschaftler
Der Letzte, der das probiert hat, war Hitler...
Wir leben in einer Gesellschaft, in der öffentliche Rituale, die von der Gesamtheit der Bevölkerung generationsüberschreitend praktiziert werden, verschwinden. Sie haben Orientierung gegeben, aber sie sind weg - wieso weiß ich nicht. Was ist an ihre Stelle getreten - die Olympischen Spiele, das Neujahrsnacht Böllerschießen oder was? Rituale als allgemein akzeptierte Formen gibt es weit und breit nicht mehr. Der letzte, der das probiert hat, war Hitler. In diesem Sinn ist für mich keine Zukunftsperspektive sichtbar. Natürlich gibt es Reste, survivals, aber die gesamtgesellschaftliche Zustimmung, Würde, Wucht , fehlt. Natürlich passieren Adaptionen für unsere Zeit, aber es bleibt bei vielen kleinen, im Privaten verharrenden Experimentierfeldern. Auch die Rasseltrance nach Felicitas Goodman wird von so einer winzigen Minderheit praktiziert. Es gibt Modifikationen alter Traditionen, die lokal Bedeutung haben können, aber global ist die Entstehung neuer Rituale nicht sichtbar. Wissen Sie was mich mit 14 Jahren bezaubert hat? Die katholische Messe - mit einer Auswirkung für die nächsten 30 Jahre, mit der Wucht einer lebenslangen Abhängigkeit. Daher meine Skepsis, ich sehe keine Zukunftsperspektiven, was an die Stelle von Ritualen, die früher einmal in ganz Europa allgemein praktiziert wurden, treten soll.
CHRISTL LIEBEN
Psychotherapeutin
Rituale verdienen unsere ganze Ehrfurcht...
Die meisten Rituale, wie sie in unserer Zeit verwendet werden, gehen mir gräßlich auf die Nerven und ich bleibe allen Einladungen fern, wo Rituale angekündigt werden. Mit Kreistänzen und Räucherstäbchen kann man mich auf den Mond jagen... Andererseits kenne ich die Wucht von Ritualen aus eigener Erfahrung. Ich liebe Rituale, die schlicht und unsentimental und noch lebendig an eine große Tiefe angeschlossen sind und SPARSAM verwendet werden. Rituale entstehen überall dort, wo Menschen zusammenleben und auch überall dort werden sie gebraucht -auf dem Land und in der Stadt. Ich denke, daß auch immer wieder neue Rituale entstehen, aber selten haben sie die Tragfähigkeit und Kraft, um zu bleiben. Die Rituale, die wir jetzt verwenden, sind wahrscheinlich über lange Zeiträume zu der Form geschliffen worden, die wir jetzt kennen. Viele davon sind versunken, manche sind geblieben. So wird es immer sein. Natürlich können Rituale unserer Zeit angepasst werden, aber wir dürfen es nur dann tun, wenn wir ihren ganzen Sinn erfasst haben, sonst wird es flach, banal, sentimental und kraftlos. Überall dort, wo wir weit in unsere (persönliche oder kollektive) Tiefe hinabsteigen, brauchen wir Rituale als Wegweiser und Geländer, sie dürfen aber nie Selbstzweck werden. Rituale verdienen unsere ganze Ehrfurcht.
GERHARD TUCEK
Leiter des Instituts für Altorientalische Musiktherapie
Nicht die Rituale haben die Kraft verloren, sondern die handelnden Personen...
Rituale bilden die Brücke zwischen Vergangenem und Zukünftigem. Es benötigt weniger neue Rituale, sondern es geht vielmehr darum, die Inhalte zu vermitteln, transparent zu machen; ich sehe die Möglichkeit, die alten Rituale in einen heutigen Kontext zu stellen. Es gibt "unabänderliche Wahrheiten", die sich in sehr kluger Weise in nachvollziehbare Formen gegossen haben . Vieles von dem, was wir heute neu erfinden, mangelt eher an einer "Tiefenlotung" als an neuen Formen .... eher in die alten Formen einsteigen und sie nachvollziehen lernen, als neue Strukturen zu entwickeln. Entscheidendes Element ist die Authentizität der handelnden Person: nicht die Rituale haben die Kraft verloren, sondern die handelnden Personen haben ihre Wahrhaftigkeit, ihre Authentizität verloren.
Institut für altorientalische Musiktherapie
FAWZIA AL-RAWI
Dr. der Orientalistik
Ein Ritual ist nicht Werden, sondern ständig Sein.....
Wenn Material aus dem Unbewußsten oder "Speicherbewußtsein" aufsteigt, so kann man es in geistige Energie verwandeln, statt es zu unterdrücken oder ihm zu unterliegen. Rituale sind meiner Ansicht nach eine der wunderbarsten Möglichkeiten diesen Prozeß zu unterstützen, da sie die Fähigkeit haben diesem Prozeß sowohl eine psychologische wie eine metaphysische Dimension zu geben und somit die Grenze des Egos zu sprengen und einen Einblick in die großen Gesetze des Universums zu schenken. Ein Ritual ist nicht Werden, sondern ständig Sein, eine Eigenschaft, die der Seele hilft sich vor den ständigen Strukturen und Fallen von Dogma, Vorurteilen und Angst loszurütteln und der wahren Natur des Menschen zu folgen.
FELICITAS GOODMAN
Kulturanthropologin und Religionspsychologin
Religiöse Rituale stellen immer eine Brücke zur anderen, sakralen Wirklichkeit dar...
Von der Verhaltenswissenschaft her - in meinem Fall Anthropologie - wissen wir, daß alles menschliche Verhalten von Regeln strukturiert wird, also in dem Sinne ritualisiert ist. Eine Abwesenheit solcher Struktur ist Zeichen geistiger Störung. Dem Inhalt nach gibt es also Rituale beim Essen, verschieden je nach Gelegenheit, beim Begrüßen, beim Abschied, usw. Auch der Kontakt mit der anderen Wirklichkeit ist natürlich ritualisiert, d.h. gewisse Verhaltenselemente werden in der gleichen Form wiederholt. Rituale sind nicht etwa nur dem Menschen eigen. Sie sind in oben definierter Form allem organischen Leben eigen. Insekten haben ihre eigenen Rituale! Religiöse Rituale stellen immer eine Brücke zur anderen, sakralen Wirklichkeit dar. In der vielgestaltigen urbanen Umwelt sind sie gewöhnlich spezifisch, d.h. sie entnehmen ihre Gestaltung dem jeweiligen Glaubensinhalt. Folglich erfüllen sie die wichtige Aufgabe, den labilen, urbanen Menschen in seinem Bewußtsein auszurichten und zu festigen.
HELEN BRUGAT
Schauspielerin
Mittlerweile bin ich überzeugt, daß Glück der beste Boden für weiteres Glück ist...
Für mich sind Rituale sehr wichtig, ich suche auch immer wieder nach neuen, finde aber selten für mich Brauchbares... Ich versuche mich bei Ereignissen wie Weihnachten oder Ostern immer an das ursprüngliche Ritual zu erinnern, wie z.B. Licht in den dunkelsten Tag und die längste Nacht zu bringen, den Winter austreiben und vor allem die Hoffnung auf die immer wiederkehrende Erneuerung im Herzen zu tragen, zu Ostern ist es die Fruchtbarkeit, das Begrüßen der neuen Fülle, die Wiedergeburt in Form von Fortpflanzung. Im Alltag ist es für mich das Bewußtsein des großen "All-einen", Teil eines Ganzen zu sein, ein Sandkorn im All mit einer bestimmten Aufgabe und der Aufgabe, die Aufgabe zu erkennen. Es sind die Momente des bewußten "Glücklichseins" und mein "Danke" das ich jeden Tag dafür sage. Lange Zeit habe ich den Applaus nach einer Vorstellung nicht wirklich genommen, seit ich mir dessen bewußt bin schließe ich bei jeder Verbeugung die Augen, sage "Danke" und sauge alles in jede Faser meines Körpers. Mittlerweile bin ich überzeugt, daß Glück der beste Boden für weiteres Glück ist.
Artikel aus: FOCUS Informationszeitschrift NR. 1/2000, S. 4-7 (Jan. 2000)
