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FOCUS UMFRAGE: EKSTASE, WAS IST DAMIT GEMEINT? (Teil 1 / Teil 2)

Ekstase, was ist damit eigentlich gemeint? Ist sie lebensnotwendig, gesund oder gefährlich? Darf sie nur unter Anleitung erlernt bzw. erlebt werden? Warum sind ekstatische Zustände bei uns so selten geworden? Das sind einige der Fragen, die wie mit der Bitte um Stellungnahme an verschiedene Fachleute weitergegeben haben. Die Antworten beinhalten ein breites Spektrum unterschiedlicher Meinungen und ergeben in der Summe ein facettenreiches, lebendiges, aktuelles Bild dieser Thematik.


DR. BRIGITTE HOLZINGER
Psychotherapeutin

Wenn mit einem größeren Selbst verbunden, sind Menschen weniger leicht lenkbar...

Ekstase verstehe ich als "Verändertes Bewußtsein" – meistens gemeinsam und als ob man sich an das große Geheimnis andockt, von dem man dann "trinken" kann. Ich könnte mir vorstellen, daß Ekstase durch einen "veränderten Innenohrzustand" entsteht – dieser Frage würde ich gerne nachgehen – jedenfalls durch ein "aus dem Gleichgewicht kommen" – oder der "Schwerkraft entkommen"? Ein "Sich-oder-der-Welt-enthoben" spüren scheint der "Erdung" und der Inspiration sehr gut zu tun. In vielen Kulturen ist Ekstase Teil des Lebens und für mich persönlich ist Ekstase Psychohygiene und Nahrung für die Seele. Ekstase ist gesund, braucht keinen Lehrer oder Meister, hat aber andere gern.. Ekstase wurde vor allem durch die katholische Kirche verteufelt – deshalb existiert sie in der christlich-westlichen Welt mehr "undercover" oder wird als "unchic" bewertet. Ansonsten erinnere ich an Fußballplatz und Fat Hip Hop Parties. Ich bin mir nicht so sicher, ob Ekstase wirklich so selten ist, dennoch: wenn mit einem größeren Selbst verbunden, sind Menschen weniger leicht lenkbar.


KAY HOFFMANN
Sachbuch-Autorin, Trainerin

Sprachlos vor Ekstase – das lasse ich nicht durchgehen...

Ekstase ist zunächst einmal ein Wort, das sehr unterschiedlich verstanden wird. Bevor ich mich darauf einlasse, dem zuzustimmen, daß ohne Ekstase der Mensch nicht leben kann, möchte ich wissen, was genau das Lebensnotwendige in der Ekstase ausmacht, und vor allem, ob es ökologisch und sozial verträglich ist. Bei Ekstase denke ich nämlich immer sofort an das Schlimmste – Fundamentalismus, Massenhysterie, Panikmache, Apokalypse, Psychose, der Wahnsinn der Auserwählten. Daher begrüße ich die Aktion des FOCUS, eine Diskussion zu starten. Mit dem Argument des Lebensnotwendigen ist ja in der Vergangenheit immer wieder Schindluder getrieben worden – sei es der furor teutonicus (am deutschen Wesen soll die Welt genesen), sei es das Ausleben der Sexualität, wie sie von Wilhelm Reich empfohlen wurde. Und, was ist rausgekommen bei der Sexuellen Revolution? Sind wir bessere Menschen geworden? In vielen Religionen wird Ekstase als der kürzeste, der direkte Weg zu Gott gesehen. Der neuplatonische, christliche Denker Plotin bringt die Ekstase sogar in die Philosophie, die sich ansonsten dem gesunden Menschenverstand und einer eher abgekühlten Logik verschrieben hat. Es gibt ekstatische Denker und meist zeichnen sie sich durch besonders poetische Texte aus. Was das Thema Ekstase und Gesellschaft betrifft, so kann ich nur beipflichten, daß wir im Westen an einem Punkt stehen, an dem die Beteiligung des einzelnen am Gesamtsystem dringend notwendig ist. Es fehlt überall an Engagement, Begeisterung, Motivation. Der platte Materialismus und das Konsumdenken herrschen vor, schon die Kids werden in diese Richtung stimuliert. Stimmt also die häufig mißbrauchte Devise "back to basics"? Richtig, wir brauchen Werte. Aber wie diese Werte in einer Gesellschaft hergestellt werden, sollte demokratisch ausgehandelt werden. Meine Vision: sich am runden Tisch treffen, gemeinsam denken, wobei das Denken transversal und diagonal und kreuz und quer gehen kann, aber es sollte sich immer noch um ein Denken im Sinne eines bewußten Vorgangs handeln, der unbewußte Prozesse, die inspirieren, zwar integriert, aber sich ihnen nicht mit Haut und Haar ausliefert. Als ehemalige Trancetrainerin schätze ich die menschliche Fähigkeit der Kontrolle über alles. Und die Sprache. Sprachlos vor Ekstase – das lasse ich nicht durchgehen. Die Sprache ist dazu da, die gemeinschaftlich getroffenen Ergebnisse des Aushandelns festzulegen, so daß die Fehlerquote der Mißverständnisse so klein wie möglich gehalten wird. Und dann sollten diese Ergebnisse immer wieder neu in die Öffentlichkeit gestellt werden, mit anderen öffentlichen Meinungen neu verhandelt werden.


WITTIGO (Keller)
Ritualdesigner, Kultur-Anthropologe und Grenzgänger

Ungeahnte Erlebnisräume werden aufgetan...

Ekstase ist der absolute – oft länger andauernde – Kulminationspunkt eines nicht alltäglichen (außergewöhnlichen) Bewußtseinszustandes, der durch verschiedenste Tranceinduktionsmittel hervorgerufen werden kann. An diesem Punkt beginnt man, aus sich selbst herauszutreten, einen von jeweiligen Gesellschaften und Kulturen geprägten "Norm"-Zustand hinter sich zu lassen, um sich letztlich im Erleben/Erfahren einer vollkommen schwingenden Einheit als Balancierer und Dirigent zwischen den Weltenebenen zu bewegen. Über Ekstase erhalten wir die Möglichkeit, in tiefste un(ter)bewußte Schichten vordringen zu können, weit intensiver noch als über bekannte Formen des Schlaftraums. Ungeahnte Erlebnisräume werden aufgetan und bringen uns zur Erfahrbarkeit von: Energie tanken und Kreativität fließen lassen. In einer Zeit der "Wende" auf allen Ebenen und um einem stereotypen Sackgassendenken zu entgehen, erinnern und besinnen sich immer mehr Menschen an die Wurzeln/Ursprünge unserer Zeit. Die ekstatische Reise war seit jeher Domäne schamanisch ausgerichteter Kulturen und diente als eine Art Proportion und Gleichgewicht zwischen Mensch, Natur und spiritueller Welt (Götter, Geister, Dämonen). Als potentiell kreativer Prozeß ist Ekstase als Basis einer ganzheitlichen Vorstellung von "gesund" zu sehen: Der ursprüngliche Weg der Schamanen als Gesamtkunstwerk (erster Heiler und erster Künstler) kann in kulturübersetzter und zeitadäquater Weise heute nachvollzogen werden. Im ganzheitlich-ambivalenten Ansatz läßt sich gut – böse, gesund – ungesund/gefährlich kaum voneinander trennen, schon im Sinne der Formel: "Nichts ist Gift – alles ist Gift". Wer wahre Ekstase einmal selbst erfahren durfte, für den wird sich eine solche Gegensätzlichkeit kaum stellen. Wichtig erscheint mir das Finden eines persönlichen Zugangs/Weges. Die einen mögen trotz intensiver Arbeit mit "Lehrern" kaum dorthin gelangen, anderen fällt der Weg regelrecht von alleine zu: Anfangs vielleicht bereit zu sein, angstlos Grenzen zu überschreiten und gleichzeitig eine Vertrauensperson als Art "Kontrolle" bei sich zu wissen. Wir können zwischen Gesellschaften unterscheiden, in denen Trance/Ekstaseverhalten über Rituale als wichtiger kultureller und therapeutischer Bestandteil praktiziert wird (z.B. in Regionen Afrikas, Asiens und Mittel-/Südamerikas) und im Sinne ihrer Glaubensvorstellungen zur Annäherung an die spirituelle Ebene führt. In westlichen, vorwiegend materiell orientierten Kulturen dagegen hat diese Zugangsform kaum Stellenwert und Begriffe wie Trance/Ekstase werden vorwiegend in Bereiche "unkontrollierbarer Krankheit" abgedrängt...


PETER SCHÜTZ
NLP-Trainer

Ekstase ist ein traditioneller Weg, die Grenzen zwischen bewußt und unbewußt aufzuheben...

Als Ekstase bezeichne ich einen durch körperliche (Bewegung, Sexualität .....) und/oder spirituelle außergewöhnliche Reize hervorgerufenen speziellen, an Gegenwart, Zukunft und Gesamtheit orientierten Zustand, oft auch hervorgerufen durch das (Er)Lösen extremer Spannung (Kriegsheimkehrer .....).

Der Mensch braucht Ekstase in ritualisierter und ins soziale "fabric" eingepaßter Form. Unkontrolliert macht's den Menschen meist mehr Angst und produziert oft wenig Umweltverträgliches, da Ekstase oft mit Mangel an "reality-check" einhergeht. Je nachdem "wie erreicht" und "wie eingebettet" kann Ekstase gesund oder gefährlich sein ...

Um Ekstase hervorzurufen braucht es dazu - außer man tut es mit Drogen - viel Wissen und meist eine Gruppe. Mit Anleitung ist es einfacher und auch sozial "wahrer". Ekstase ist ja auch ein traditioneller Weg, die Grenzen zwischen bewußt und unbewußt aufzuheben und so zu Verknüpfungen und Weissagungen zu kommen - also in "priesterlicher" Funktion. Im professionellen NLP z.B. gibt es recht gute Wege/Modelle dazu, wie auch in vielen anderen "Subkulturen".


Artikel aus: FOCUS Informationszeitung Nr. 3/2000, S. 6-9 (Sept. 2000)