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URSACHE UND WIRKUNG IN DER WISSENSCHAFT:
Eine neue Sicht - Teil 1

Rupert Sheldrake

Diese Rede von Rupert Sheldrake, gerichtet an den Vorstand des Institute of Noetic Sciences, war ein Beitrag zur Diskussion des neuen Forschungsprogramms zum Thema "Wissenschaftliche Kausalität".

Zunächst möchte ich etwas über die wahre Komplexität dieses Themas sagen, die natürlich der wahren Komplexität der Natur entspringt, sowie der Tatsache, daß es zu jedem Ereignis eine Vielzahl beein flussender Faktoren gibt. Normalerweise wird in der Wissenschaft eines dieser Ereignisse isoliert, um dann Experimente durchzuführen, bei denen man alle Variablen konstant hält, außer der zu untersu chenden. So kann man die Wirkungen dieser einen bestimmten Ursache feststellen. Man vernachlässigt die Hunderte, Tausende oder Millionen von anderen ursächlichen Einflüssen, weil diese für die angestellten Überlegungen keine Bedeutung haben:

Betrachten wir zum Beispiel die Ursache von Tönen, die aus dem Radio kommen. Jemand könnte sagen, "Elektrizität ist die Ursache. Ohne sie gäbe es keine Töne. Zieh den Stecker raus und das Gerät ist aus." Ein anderer könnte sagen, "Nein, die Ursache sind all die Bauteile im Gerät. Nimm einige Kabel und Transistoren heraus und die Töne sind weg. Tu sie wieder hinein, und die Töne sind auch wieder da. Also sind die Bauteile die Ursache." Wieder ein anderer sagt, "Ach was, die Ursache ist das was im Sender viele hundert Kilometer entfernt passiert". Und noch ein jemand anderes meint, "Aber die Töne sind doch ein Teil des Programms, welches die Planungsabteilung des Radiosenders schon vor Monaten zusammengestellt hat. Dieses Programm ist die Ursache".

Man stellt fest, all diese Dinge sind die Ursachen für Töne, die man aus dem Radio hört. Und es gibt noch viele andere.

In der Realität stellen sich solche Fragen zum Beispiel in Untersuchungsausschüssen oder bei Gericht. Nach einem großen Zugunglück in London wollte jeder wissen, was denn die Ursache war. Lose Kabel. Und die Ursache davon? Inkompeten tes Management? Schlechtes Personal? Bestim mungen der Regierung? Es gab eine ganze Reihe von möglichen Ursachen, die für Wochen die Zeitungen füllten. Bei Gericht behandle man die gleichen Themen. Tatsächlich spielen diese Fragen der Kausalität eine große Rolle im täglichen Leben. Wir alle kennen die enorme Komplexität von zusammenhängenden Einflüssen in unserer Welt.

ARISTOTELES' "URSACHEN"

Die klassische Diskussion der Ursachen wurde von Aristoteles geführt. Seine Vorstellungen bieten meiner Ansicht nach noch immer den besten Rahmen, um dieses umfangreiche und konfuse Thema zu behandeln. Die vier Ursachen von Aristoteles waren:

All diese Ursachen sind bedeutsam, zum Beispiel bei der Herstellu ng einer Skulptur, die am Markt angeboten werden soll.

Dieses System, bei dem vier Arten von Ursachen berücksichtigt wurden, (die materielle, die formale, die finale, und die effizierende), war Standard für das Denken über Kausalitäten in der klassischen Welt und der scholastischen Periode des Mittelalters. Damals gab es ein viel breiteres Verständnis der Kausalität, als wir es in der Wissenschaft vorfinden. Danach hatten auch Tiere und Pflanzen eine Seele. Die Seele einer Pflanze, zum Beispiel die eines Rosenbusches, hat der Pflanze ihre Form verliehen. Die Seele war die formale Ursache. Sie war auch die finale Ursache; sie gab der Rose ihren Zweck zu einem Busch heranzureifen, zu blühen und Samen zu verbreiten.

Die Seele also beinhaltete die nicht materiellen formalen und finalen Ursachen. Für Aristoteles war die finale Ursache des gesamten Universums Gott. Gott war die höchste bewegende Kraft des Univer sums, aber nicht weil er es antrieb, sondern weil er es in einem gewissen Sinne mit sich oder auf sich zog. In diesem Sinne haben finale Ursachen - Zwecke und Ziele- eine bestimmte Anziehungskraft. Aristoteles dachte, das Universum bewege sich, weil es von Gottes ewiger Glückseligkeit angezogen würde. Diese Auffassung unterscheidet sich grund sätzlich von einem Modell, nach dem in einem mechanischen Universum alles von hinten angetrie ben wird.

DESCARTES` MECHANISCHES UNIVERSUM

Nach der wissenschaftlichen Revolution im sieb zehnten Jahrhundert, war jedoch die Kausalität mehr oder weniger auf materielle und effizierende Ursachen beschränkt auf Materie und Bewegung. Die Seele wurde aus der Natur entfernt. Tiere und Pflanzen wurden einfach zu Maschinen. Obwohl die frühen Platoniker noch der Meinung waren, die Welt habe eine Seele, die anima mundi, wurde auch die Seele der Welt abgeschafft.

Zudem wurde die Seele aus dem menschlichen Körper verbannt. Im älteren System war man der Ansicht, der Körper sei in der Seele, nicht die Seele im Körper. Die Seele war also größer als der Körper. Aber in den neuen, von Descartes geprägten Vor stellungen des siebzehnten Jahrhunderts, wurde die Seele aus dem Körper genommen, außer einem kleinem Teil, der an irgendeiner Stelle des Gehirns als rationale Seele einen Platz fand. Diese rationale Seele war das einzig nicht-mechanische, was in der gesamten Natur übrig blieb. Alles andere wurde me chanisch, und ausschließlich im Zusammenhang mit effizierenden und materiellen Ursachen verstanden.

Descartes meinte, die Absicht, oder die finale Ursa che der Natur, sei Gottes Zweck für die Welt. Weil aber Gott konstant sei, muß auch die finale Ursache konstant sein. Man könne deshalb durchaus aner kennen, daß es für alles einen Zweck gibt, aber weil dieser Zweck aus wissenschaftlicher Sicht konstant ist, kann er vernachlässigt werden; es ist nicht notwendig zu wissen, was der Zweck ist.

So wurde man die finale Ursache der Natur los. Die formale Ursache, also warum die Dinge so passie ren wie sie es tun, wurde dann interessanterweise als Naturgesetz definiert. Die mathematischen Gesetzmäßigkeiten, die, wie Descartes und andere Gründungsväter der Wissenschaft dachten, die Welt regierten, wurde so zur Ursache für die Umlaufbahn der Planeten. Diese und andere geordnete Struktu ren in der Natur kamen also nicht aus einer der Natur innewohnenden Seele. Sie beruhten vielmehr auf dem mathematischen Gesetzen außerhalb der Natur, von denen man dachte, sie seien dem Geist eines mathematischen Gottes entsprungen.

Die formale Ursachen blieben somit erhalten. Sie waren die Naturgesetze und sind dies aus der Sicht der konventionellen Wissenschaft noch immer. Es sind diese nichtmateriellen, mathematischen Prinzi pien von denen man glaubt, daß sie der Welt ihre formale Struktur verleihen.

FELDER: MEDIUM FÜR DIE WIRKUNG AUS DER DISTANZ

Mit dieser Sichtweise gab es allerdings Probleme. Das größte von ihnen war die Wirkung aus der Distanz. Mechanische Ursachen wie Drücken und Ziehen wirken normalerweise (nach gesundem Menschenverstand) nur durch Kontakt. Newton`s Gravitationsgesetz ging in der Annahme aus, daß verursachende Effekte auch über riesige Entfer nungen wirken können, zum Beispiel zwischen Mond und Erde oder zwischen Sonne und Mond. Das war ein Problem.

Natürlich kam eine ähnliche Schwierigkeit im Zusammenhang mit den Phänomenen von Elektri zität und Magnetismus auf, wo ebenfalls Wirkungen aus der Distanz vorlagen. Um damit umgehen zu können, wurde das Konzept der Felder eingeführt, und zwar zunächst im Bereich des Elektromagne tismus und dann im Bereich der Schwerkraft. Die Felder wurden zum Medium für die Wirkung aus der Distanz. Und sie wurden auch zur formalen Ursache der Dinge. Das Einstein'sche Gravitationsfeld verleiht der Raumzeit Form und Struktur. Die Struk tur der Raumzeit ist bei einer Präsenz von Materie gekrümmt, und verursacht die Auswirkungen der Schwerkraft, wie im Umlauf des Mondes um die Erde, weil sie eine formale oder nach Einstein's Terminologie "geometrische" Ursache darstellt.

Auch im Bereich des Elektromagnetismus wurden die Felder zu formenden Einflußfaktoren. So hängt das Muster der Eisenfeilspäne um einen Magneten herum von der Form des magnetischen Feldes ab. Es ist eine unsichtbare Struktur oder Form. Ein Feld ist eine Region oder ein Einfluß in Raum und Zeit, der diesen formenden Einfluß auf Dinge hat.

In einem gewissen Sinne können wir feststellen, daß Felder die traditionelle Rolle der Seele im Bezug auf Kausalität übernommen haben. Felder haben viele der Eigenschaften, die der Seele zugeschrieben waren. Sie sind zwar nicht in jeder Beziehung iden tisch, aber ich denke, sie haben die gleiche Rolle wie die Seele im scholastischen Weltbild.

ZWEITEILIGE WIRKLICHKEIT

Aus der Sicht des siebzehnten Jahrhunderts war durch die Abschaffung der Seele eine dualistische oder zweiteilige Struktur der Wirklichkeit entstanden - Geist und Materie. Geist bestand aus Gott und der menschlichen Rationalität; Materie waren Atome in Bewegung. Die Zwischenebene der Seele war verschwunden. Es gab nur noch mathematische Gesetze und leblose, unbewußte, blinde Materie, die diese Gesetze befolgte. Es bestand ein kosmischer Dualismus zwischen der materiellen, energetischen Welt und den nicht materiellen, nicht-energetischen, zeitlosen und unveränderlichen mathematischen Gesetze der Natur. Wie diese beiden zusammen passen, wie sie aufeinanderwirken, blieb ungeklärt. Es ist auch heute noch unklar.

Durch die Einführung von Feldern wurde dann wieder eine Zwischenebene geschaffen. Felder sind die Ursache dafür, daß eine Sache eine andere beeinflußt. Die Auswirkungen eines Zusammenpralls von "Billardkugeln" sind durch die Felder bestimmt. All diese Arten von mechanischen Phänomenen werden nun mit den Feldern der Natur erklärt.

Die gleichen Probleme wie wir sie in der Physik fest stellen, treten sogar verstärkt, in der Biologie auf. Eine der größten Schwierigkeiten ist es, die Gestalt von Organismen zu verstehen. Warum haben verschiedene Arten von Pflanzen unterschiedliche Formen? Warum sind die Tiere unterschiedlicher Gestalt? Warum unterschiedliche Tiere verschie denartige Gestalt? Warum haben unterschiedliche Tiere verschiedenartige Instinkte, und wie werden diese vererbt?

Nach dem älteren Verständnissystem dachte man, das Verhalten von Tieren und deren Körperform seien durch nicht-materielle, formale Ursachen, bestimmt. Für die Anhänger von Plato waren diese formalen Ursachen platonische Ideen oder Formen, ewige Urbilder, die Raum und Zeit transzendieren, Vorstellungen Gottes. Für die späteren Anhänger von Aristoteles und die Scholastiker jedoch, lag das Formende nicht außer halb der Natur, sondern innerhalb. Es war die Seele dieser Arten und die Seelen waren in und um deren Körper. Es war nicht freischwebend, irgendwo jenseits von Raum und Zeit, wie bei Plato`s Anhän gern.

Für die Mechanisten nach dem siebzehnten Jahr hundert waren die formalen Ursachen zum Teil abhängig von den allgemeinen Naturgesetzen. Diese Gesetze waren aber offensichtlich zu allge mein, um die exakte Form eines Igels oder eines Blumenkohls zu erklären. Also mußte man anneh men, die formale Ursache sei eine materielle Struk tur innerhalb des Organismus. Deshalb dachten die Leute, diese materiellen Ursachen würden aus vorgeformten, mikroskopischen kleinen Versionen eines fertigen Organismus bestehen. Zum Beispiel müsse das Ei einer Giraffe eine Mini-Giraffe enthal ten. Der Entwicklungsprozess einer Giraffe bestand lediglich aus der Vergrößerung der Mini-Giraffe in dem Ei. Man nannte dies die Doktrin der Vorgestal tung. Es war die am meisten offensichtlich materiali stische Erklärung von Gestalt und gestaltender Entwicklung in der Biologie.

Das logische Problem dabei ist natürlich, das diese Mini-Giraffe die Eier der nächsten Generation in sich haben muß, diese wiederum die Eier der darauffol genden Generation, und so weiter. So kam es zu einer unendlichen Rückwärtsentwicklung von "Chinesischen Schachteln" mit Eiern in Eiern in Eiern.

Im achtzehnten Jahrhundert wurden solche Illusio nen von kleinen vorgeformten Organismen tatsäch lich veröffentlicht. Man zeigte Bilder von Sperma: Pferdesperma mit Babypferden darin und Eselsperma mit so ziemlich dem gleichen Inhalt, aber mit längeren Ohren. Man hielt die Doktrin der Vorgestaltung für nachgewiesen und der Glaube daran war verbreitet. Sie war eine materialistische Erklärung für die Entwicklung von Gestalt. Man wurde das Problem der gestaltenden Ursachen los, in dem man einfach sagte, die Gestalt sei bereits vorhanden. Alle Materialisten in der Biologie müssen auf eine solche Art von Erklärung zurückgreifen. Sie müssen die formale oder gestaltende Ursache eines Erwachsenen Organismus in die Materie des befruchteten Ei`s stecken.

WIEDER(ER)FINDUNG DER SEELE

Natürlich war die Theorie der Vorgestaltung falsch. Die Leute können keine Miniorganismen im Ei finden und die Studien der Embryologie zeigten, daß bei der Entwicklung des Organismus neue Formen und Strukturen entstehen. Der "Präformationismus" des späten neunzehnten Jahrhunderts war da etwas subtiler. Er postulierte, daß sich zwar nicht die gesamte Struktur im befruchteten Ei befindet, aber eine andere materielle Struktur, die diese bestimmt. Weissmann nannte dies die Theorie des Keimplas mas. Man nahm an, ein sogenanntes Keimplasma generiere den Organismus aus einer eigenen mate riellen Struktur und zwar auf völlig mysteriöse Weise.

Die vitalistische Tradition der Biologie ging schon immer davon aus, daß lebendige Organismen am Leben sind, weil sie eine Seele oder etwas ähnliches haben, die ihnen Form, Gestalt, Struktur und Orga nisation verleiht. Die mechanistische Theorie hat dies stets bestritten. Tatsächlich erfinden aber die Mechanisten die Seele in einer miniaturisierten Form ständig neu - entweder innerhalb des Keimplasmas, oder in neuerer Zeit in den "selbstsüchtigen" Genen, denen all die Eigenschaften des Lebens und des Geistes mitgegeben sind. Oder die Seele wird durch das Konzept der genetischen Programmierung ersetzt, welches einer zweckeingerichteten organi sierenden Einheit ähnlich den vitalistischen Entele chien entspricht.

Weil diese Theorie in der Computersprache abge faßt ist, glauben die Menschen es handelt sich um eine echte Wissenschaft. Dabei ist die genetische Programmierung ein Extrem vages, unzusam menhängendes und glitschiges Konzept - die Darstellung des vitalen Faktors, der Seele, in einer modernen mechanistischen Gestalt. Tatsächlich demonstriert die heute so moderne Analogie zum Computer eine intensive antropomorphe Eigen schaft des mechanistischen Denkens, weil sie die menschliche Voreingenommenheit auf das gesamte Universum projiziert. Dies geschieht in einer Art, die meiner Meinung nach heimtückischer ist als die der schlimmsten Animisten. Unsere derzeitige Vorein genommenheit im Bezug auf Computer und Infor mationstechnologie, wird auf die Natur, einschließ lich uns Menschen, projiziert.

Auch an diesem Beispiel sehen wir, wie das alte System der Ursachen immer wieder auftaucht. Die Hardware von Computern ist die materielle Ursache. Effizierende Ursache ist die Energie. Man zieht den Stecker, das Ding steht. Man steckt ihn wieder hinein, und es läuft wieder. Die formale Ursache für das was im Computer tut, ist das Programm. Und die finale Ursache, die Absicht, ist die Anwendung oder der Zweck des Computerprogramms

In der Analogie zum Computer findet man also alle von Aristoteles benannten Ursachen wieder. Der moderne Begriff für die formale Ursache ist natürlich "Information". Man nimmt an, die ganze Welt sei von Information durchdrungen. Niemand weiß so ganz genau was Information eigentlich ist. Aber was sie tut, ist etwas in eine bestimmte Form zu bringen - sie in-formiert. Sie spielt also die Rolle der formalen oder formierenden Ursache.

Die Veröffentlichung erfolgte mit der freundlichen Genehmigung des Institute of Noetic Science (IONS, 475 Gate Five Road, Suite 300, Sausalito, CA 94966, USA) und des Herrmann Instituts Deutschland GmbH (Klausenerstr. 4, D-36037 Fulda).


Artikel aus: FOCUS Newsletter Nr. 2/1994, S. 20-23 (Mai 1994)