DIE EGOFIXIERUNG ALS SCHLÜSSEL AUF DEM SPIRITUELLEN WEG
Svaha Schöpfer
Ich arbeite seit Jahren mit NLP, also der Methode des "Neurolinguistischen Programmierens", die ihrerseits wiederum eine Synthese verschiedener mentaler und spiritueller Techniken der Humanisti schen Therapie darstellt. Seit einiger Zeit beziehe ich eine neue Methode, deren Wirksamkeit und Treffsicherheit mich immer wieder überrascht, mit ein, nämlich das Enneagramm. Natürlich handelt es sich dabei nicht um eine wirklich neue Lehre, sondern um eine sehr alte, die von den Sufis tradiert wurde. Durch Gurdjieff das erste Mal im Westen erwähnt und angewendet, ist sie erst seit ganz wenigen Jahren auch in breiteren Kreisen bekannt geworden.
Im Enneagramm gibt es neun verschiedene Persön lichkeitstypen, die ich als neuen verschiedene Versionen von EGO bezeichnen würde. Und das ist eben das Besondere, daß das Enneagramm von anderen Persönlichkeitstypologien unterscheidet: Es beurteilt die Menschen nicht nach äußeren Merkmalen, auch nicht nach dem Zeitpunkt der Geburt, sondern nach der Art und Weise, wie sie sich selbst einschränken. Und das ist ja das Ego: ich sehe und erlebe mich nicht als vollkommenen Teil und Ausdruck eines vollkommenen Universums, sondern habe einen Teil und Ausdruck, eine bestimmte Qualität der Existenz aus meinem Bewußtsein ausgeblendet.
Paradoxerweise haben wir uns für genau jene Qualität blind gemacht, die wir dann um jeden Preis der Welt im Rahmen unseres kleinen Egos "erzeugen" wollen. Um ein Beispiel zu nennen: Menschen, die in der Einser-Fixierung leben, sind der Meinung, daß die Welt so wie sie ist, alles andere als vollkommen ist: Mutter Natur ist ihrer Meinung nach eine chaotische, ungerechte und keinesfalls vertrauenswürdige Person. Mit einem Wort: Dem Universum fehlt es an Moral und Diszi plin. Darum wird ein Einser alles daransetzen, die Vollkommenheit, Tugend und Ordnung, die er in der Welt so schmerzlich vermißt, zumindest in seiner Umgebung herzustellen: Eine Sisyphusarbeit, wie man sich unschwer vorstellen kann, die den armen Einser nur immer zorniger machen wird. Und dieser Zorn ist wiederum der Antrieb für sich steigernde Bemühungen, die Welt zu reformieren, welche wiederum zu unvollkommenen Ergebnissen führen, welche den Zorn von Neuem entfachen... Und genauso beschreibt es das Enneagramm: Die "Leidenschaft" des "Einsers" ist der Zorn, und die "Falle", das "falsche Heilmittel" ist - in seinem Falle - die Arbeit. Was nicht heißt, daß Arbeit an und für sich negativ ist, für eine andere Fixierung, z. B. für die Sieben, ist sie heilsam.
Jede der neun Fixierungen hat ihre "Leidenschaft". Und es ist sicher kein Zufall, daß es sich bei diesen Leidenschaften um nichts anderes als die "Todsünden" der katholischen Tradition handelt, die manche von uns vielleicht noch aus dem Kathechismus kennen: Stolz, Habsucht, Mißbrauch der Lust, Neid, Unmäßigkeit, Zorn, Trägheit. Im Enneagramm kommen, da es hier ja nicht um sieben, sondern um neun Leiden-Schaften geht, noch zwei dazu: die Lüge (oder auch: Täuschung) und die Angst (oder auch: Zweifel). Leidenschaften heißen sie deshalb, weil es sich dabei um ganz "automatische" Einstellungen handelt, um Sicht- und Verhaltensweisen, die uns sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen sind und immerfort neues Leiden erzeugen. Viele Menschen sind ganz über rascht, wenn sie den Namen ihrer persönlichen "Wurzelsünde" erfahren, weil sie oft dem, was sie nach außen und sich selbst gegenüber zu sein vorgeben, diametral widerspricht: Zweierfixierte Menschen zum Beispiel sind meist sehr hilfsbereit und bestrebt, anderen zu dienen, sich ihnen "aufzuopfern". Dahinter aber lauert die Leidenschaft des Stolzes, der die Kehrseite dieser Über-Anpassung darstellt.
Andererseits hat jeder Punkt im Enneagramm nicht nur eine "Leidenschaft", eine "Falle", einen "Redestil" usw., sondern es ist ihm genauso eine "Heilige Idee" und ein "Heiliger Weg" zugeordnet. Jede Ego-Fixierung kann sich zu einer Ausdrucksform des Göttli chen verwandeln. Es geht nicht darum, jemand anderer zu werden, sondern die eigene Vollkom menheit wahrzunehmen und auszudrücken. Der Transformationsprozeß findet immer im Rahmen der eigenen Fixierung statt. Ein Einser kann zum Beispiel niemals ein Fünfer, wohl aber ein - zumindest zeitweise - "erlöster" Einser werden. Als ein solcher wird er seiner Umwelt mit Weisheit, Gelas senheit und vor allem einer wirklich tiefen Toleranz begegnen.
Ich arbeite mit dem Enneagramm auf verschiedenen Ebenen. Da gibt es erst einmal die Ebene des "Inneren Kindes". Wir alle tragen ein verletztes klei nes Kind in uns, das irgendwann einmal beschlos sen hat, einen Teil seiner Lebendigkeit, seines Selbst, abzuschneiden und zu verleugnen, um sich vor zukünftigem Schmerz zu schützen. Das war meistens der Moment, in dem sich unsere Fixierung endgültig herauskristallisiert hat. Diese Situation in der Kindheit gilt es nun herauszufinden und wieder zuerleben (oft dauert es Jahre, bis das Unterbe wußtsein diese so schmerzerfüllt Szene preisgibt), und dann wenden wir die Methode des "History change" aus dem NLP an. Wir verleugnen die Vergangenheit nicht, aber wir geben dem Inneren Kind die Möglichkeit, die betreffenden Szenen so umzuwandeln, daß es jetzt all das bekommt, was es damals vermißt hat. Wir füttern unseren emotionel len Computer mit neuen, lebensbejahenden Daten. Natürlich ist das nicht mit einer Sitzung erledigt, es braucht Zeit, Geduld und Übung, bis das Unterbe wußte die neuen Informationen "gespeichert" hat.
Zweitens arbeiten wir auf der praktischen Ebene. Unsere Ego-Fixierung drückt sich ja vor allem in unserem Alltag, in dem, was wir "automatisch" tun, aus. Wir können lernen, diese automatischen Verhaltensweisen und Einstellungen zu identifizie ren, und daraus "auszusteigen". Dabei werden wir vielleicht manchmal Dinge tun oder ausprobieren müssen, die uns richtiggehend "gegen den Strich" gehen. Für Vierer zum Beispiel, die sich für etwas ganz Besonderes halten, bedeutet das "Erledigen" von Routinearbeiten eine große Überwindung. Sie überlassen diese "niederen Dienste" gerne anderen, und wenn das nicht geht, dann bleibt das Geschirr eben ungewaschen und damit basta. Wenn es ihnen allerdings gelingt, diese "Niederen Regionen" in den Griff zu bekommen und mehr Disziplin in ihr Leben zu bringen, dann werden sie mit einem Mal erleben, daß ihre geistigen "Höhenflüge" viel seltener in einer Bruchlandung enden.
Schließlich gibt es dann noch eine dritte Ebene, und das ist die spirituelle, die meditative. Wenn wir mit unserem Höheren Selbst verbunden sind und uns im Einklang mit dem Universum fühlen, befinden wir uns in einem Bereich, wo es nichts zu "tun" gibt: Wir brauchen keine Therapie, keine Transformation, keine "Arbeit an uns selbst"... wir sind vollkommen, heil und ganz. Solche Momente sind wie kostbare Perlen, die wir in die Niederungen unseres irdischen Daseins mitnehmen können, wo sie uns an unser wahres Wesen und an unsere himmlische Heimat erinnern werden. Auch hier sind wir nicht dem Glück und dem Zufall ausgeliefert, sondern können uns darin üben, unsere Aufmerksamkeit von unseren Beschränkungen zu unserem wahren Wesen hinzulenken.
Svaha Schöpfer, Gesprächstherapeutin und NLP Practitioner, ist in Hypnose, Reich'scher Körper- und Energiearbeit und der Arbeit mit dem Enneagramm ausgebildet. Die von ihr angebotenen Kurse "Selbsterfahrung mit dem Enneagramm" richten sich an Menschen, die das Modell des Enneagramms kennenlernen und so einen neuen Weg der Selbsterfahrung beschreiten wollen.
Literaturhinweise:
- Eli Jaxon Bear, "Die Neun Zahlen des Lebens", Knaur Esoterik
- Rohu/Ebert, "Das Enneagramm", Claudius Verlag.
Artikel aus: FOCUS Newsletter Nr. 1/1994, S. 11-12 (Feb. 1994)
