ÜBER GRENZEN
Prof. Dr. Rotraud A. Perner
Die erste Grenze überschreitet der Mensch mit seiner Geburt: er verläßt seine Fruchtblase und durchtritt die physische Pforte des Mutterleibes. (Die psychische Abgrenzung von der Mutter hingegen gelingt manchen nie!) Von diesem Tag an findet Wachstum nicht mehr im Geborgenen statt: täglich werden neue Bewegungen erlernt, täglich neue Beobachtungen dem Erfahrungsschatz zugereichert - und mit jedem Mehr rückt die Grenze des eigenen Reichs ein Stückchen weiter.
Manche Menschen werden täglich bereichert: gefördert durch den "Glanz im Auge der Mutter", durch eine reiz - volle Umwelt, durch eine repressionsfreie Erziehung dürfen sie die Phasen der psychosexuellen Entwicklung optimal durchlaufen:
In der oralen (Mund-) Phase der ersten eineinhalb Lebensjahre heißt die Lernaufgabe: (mit dem Mund, Schlund, Verdauungsapparat) aufnehmen, kosten, schmecken, ausspeien, zerkleinern, verarbeiten, ausschei den. Oder: Was will ich über meine Körper grenze in mich hineinlassen?
In der analen (After-) Phase etwa zwischen zweitem und drittem Geburtstag heißt die Lernaufgabe: (mit dem Schließmus kel) zurückzuhalten, hergeben, aber auch: angreifen, Wider stand leisten, Schmerzen zufügen, Schmerzeslust ertragen. Oder: Was will ich über meine Körpergrenze hinauslassen? Wie will ich meine Körpergrenze verteidigen? Wie will ich mit der Körpergrenze anderer umgehen?
In der phallischen Phase im vierten Lebensjahr werden die Geschlechtsunterschiede bewußt erkannt (ertastet wird das eigene Genital schon in den ersten Lebensmonaten, wenn der Windelpack geöffnet wird); und wenn die Umwelt es zuläßt wird das eigene Geschlecht mit Stolz erlebt.
Daß dies vor allem männlichen Kindern erlaubt wird, zeigt schon der Name dieser Entwicklungs phase: "phallisch" - nicht "vulvisch": die wenn nur zum Protzen geeignet wäre, was die Grenzlinie des Körperprofils deutlich unterbricht: der Penis. Busen bekommt Frau ja erst spät. Und der wird dann öffentlich bewertet. Die Penislänge nicht. Wenn wir allerdings daran denken, daß sich so mancher mittelalterliche Galan mit dem Einlegen der dadurch berühmt gewordenen Hasenpfoten im Schritt des Beinkleids mehr Respekt einfordern wollte, sehen wir eine deutliche Parallele zum schaumgummiunterlegten BH der Fünfziger Jahre!
Zum Stolz der phallischen Phase gehört aber auch das Protzen und Markieren: so wie die Männchen der Säugetierwelt mit dem Harnstrahl ihr Revier markieren, markieren auch wir mit unserem Schmutz, unserem Abfall, was wir als unser Gebiet betrach ten: Wir legen unsere Siebensachen auf, machen Fettflecke und Esels ohren und Lippenstift marken, streifen unsere Schuhe darauf ab und drücken die Umrisse unseres Hinterteils drauf... Wir schieben unsere Teller und Häferln den anderen ins Revier und vergrößern damit unseres, wir legen ihnen unsere Pranken auf und grapschen an ihnen herum und demonstrieren damit: ich nehme in Besitz - ich bin stärker als Du!
Die Lernaufgabe dieser Phase heißt: herzeigen, wer man ist, was man hat und - darauf stolz sein. Das geht oft hart an die Grenzen anderer, vor allem an deren Selbstachtungsgrenzen: "Wieso traut sich der/die das, wo ich es mich nicht traue? Das muß abgestellt werden!" Und nur zu oft werden dann die Winz linge auch abgestellt, und bleiben es auch.
Oder: Will ich provozieren? Will ich an Grenzen gehen (die der Konvention, die des "Guten Benehmens", des "Guten Geschmacks")?
In der nachfolgenden ödipalen Phase geht es um Konkurrenz: die erste Liebe zum gegengeschlechtli chen Elternteil (so vorhanden bzw. ersetzt), die aktive Abwehr der störenden gleichgeschlechtlichen Elternfigur, das Erkennen der eigenen Unzulänglich keit im Vergleich mit den gleichgeschlechtlichen Rivalen und die Identifika tion mit ihnen: wenn ich schon nicht besser sein kann, will ich wenigstens sein wie er/sie. Eigene Grenzen werden erkannt und damit auch das Ausgeschlos sensein - und hoffentlich auch akzeptieren gelernt: die erste große narzistische Kränkung - und die Bereitschaft, sich in die Gemeinschaft der Gleichen einzuordnen.
Grenzen zu überwinden, kostet Zeit, Geduld, Warten können ... und Training: immer wieder probieren, ob es schon geht. Manche Menschen werden in ihrem Wachstum behindert: durch Unterdrückung ihres Habenwollens, Raum greifens, Markierens, Selbstdarstellens, Beziehungsaufnehmens, Rivalisierens...
"Bleib klein und entwickle Dich nicht!" heißt nur zu oft die Botschaft an Kinder - und Frauen. Als schwarzpädagogische Repressionsmaßnahmen bieten sich die vielen Formen von Gewalt an: psychische wie Angst mache oder emotionale Erpressung, physische wie Einsperren oder zum Stillhalten zwingen, sexuelle wie Belästigung oder Ausbeutung. Immer geht es um Zwangsbegrenzung: alle Zeit und aller Raum für die Täterfi gur, Zeitstillstand und Enge für die Opferfigur. Das Wort Angst kommt auch von Enge: Luft anhalten, den Brustraum klein machen, den Körper steif halten, das Bewußtsein ausschalten: sich tot stellen. Der Angst entkommen können wir mit nur einem tiefen Atemzug - wenn wir ihn nur wagen!
Physische Gewalt können kleine Kinder meist von ihrem eigenen Erleben her entschlüsseln - voraus gesetzt, wir reden ihnen ihre Wahr - Nehmung nicht aus. Sexuelle Gewalt wird vor der Pubertät meist nicht verstanden, fehlt doch die Kenntnis der auf Paarung gerichteten Hormontätigkeit (bzw. Information). Lustgefühle kennen wir von Anbeginn unseres Lebens her - orale, anale, phallische, auch ödipale. Aber sexuelle Sehnsucht, Triebdruck, Verschmelzungs - und damit auch Entgrenzungswünsche, ler nen wir in der Geschlechtsreife kennen, und je nach unserer Ideologisierung: genießen oder fürchten. Jede Erfahrung der frühen Kindheit prägt. Wir lernen durch Vorbilder, Übung und Lob. Wir lernen aus den Beziehungen, die uns unsere Identifikationsperso nen vorleben, wie "es werden soll", wie eigene Gren zen bewahrt oder aufgegeben werden sollen, wir lernen aber auch aus den audiovisuellen Vor - Bildern. Wir schaffen uns unsere "sicheren" Grenzen mit unseren Mythen und Ideologien. Wir scheuen Ent - Täuschungen.
Mit wachsender Ich - Stärke gewinnen wir auch mehr Über -Blick: erkennen neue Grenzen, dahinterliegende Interessen, verdeckte Machtstrukturen. Mit wachsender Ich - Stärke gewinnen wir Mut und Kraft, neue Grenzen zu erproben. Jede Grenzüberschreitung ist ein Wachstumsprozeß, manchmal ein krebsartiges Auswuchern. Dann ist Redimensionie rung fällig. Reinigung. Loslassen. Viele Menschen wollen gar keine Ich - Stärke entwickeln. Sie wollen im ozeanischen Gefühl der Symbiose mit einer Mutterfigur (ob reale Mutter, Lebensgefährte/in, Firma, Partei, Religion oder die jeweilige Führerfigur ist ziemlich egal) versorgt sein und bleiben und nur keine Verantwortung für eigenes Denken, Fühlen und Handeln übernehmen müssen. Manche bekommen die Herausforderung zum Grenzübertritt durch eine Lebenskrise oktroyiert: Beziehungen zerbrechen, soziale Abtreibungen erfolgen; es können sich aber auch Herausforderungen ergeben, wenn Wissen zuwächst oder andere Grenzerlebnisse - vor allem, wenn es das der eigenen ungeahnten Potentiale ist.
Manche Grenzüberschreitung konfrontiert uns mit unseren ungeliebten Anteilen: mit dem Schatten. Ihn nicht aus-, sondern einzugrenzen, zu integrieren, ist unser aller Lebensaufgabe.
Artikel aus: Focus Newsletter Nr. 3/1994, S. 6-7 (Sept. 1994)
