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DIE TRANSFORMIERENDE KRAFT DER RITUALE

Manfred Kremser

“Gewisse Illusionen sind nur dann nutzbringend, wenn wir sie als Symbole auf dem Weg zur Wirklichkeit betrachten — zu unserer wahren Wirklichkeit. Genau darin liegt die Kraft aller Initiationsriten und Rituale: Sie ermöglichen uns den Übergang von den Illusionen, die wir uns über unser geringes Selbst machen, hin zur Realität eines größeren Selbst, unserer größeren Kraft. Sie befreien uns von unserer Kleingeistigkeit, von dem, was Camus „unser gedemütigtes Wissen“ nannte, und sie erlauben uns, das zu sein, was wir wirklich sind, von dem wir manchmal glauben es zu sein, jenes Etwas, das wir in der Liebe zu erhaschen suchen, etwas Mysteriöses und Erhabenes, das in der Lage ist, aus der Wildnis der Erde und den dunklen Orten unseres Bewußtseins Zivilisationen zu schaffen.”
(Ben Okri)

RITUALE VERBINDEN: Für mich stellen Bewusstseins-Rituale Wegweiser und Brücken zu erweiterten/veränderten Bewußtseinsräumen dar, wie sie in der ganzen Welt von indigenen Kulturen/Ritualexperten/Heilern usw. zum Wohle der Gemeinschaft und des Individuums praktiziert wurden. Diese Rituale verbinden einerseits die Menschen untereinander, andererseits verbinden sie die Menschen mit den "höheren" Kräften/Energien/Wesen/Welten etc.. Jedes Bewußtseins-Ritual ist daher ein Kunstwerk, ja sogar ein Gesamtkunstwerk schlechthin, weil alle "sechs" Sinne des Menschen beteiligt sind. Und so wie jedes echte Kunstwerk - ganz gleich wo in der Welt es kreiert wurde - eine Botschaft für alle Menschen in sich trägt, genauso haben Bewußtseins-Rituale (sind in den meisten Fällen auch heilende Rituale) Botschaften an Körper, Geist und Seele mitzuteilen. Sie verbinden die Sinne in uns - und sie verbinden uns mit dem Über-Sinnlichen. Sie machen ganz - sie machen heil. Rituale führen uns zum Zentrum der Welt - unserer Welt - zu uns selbst. Wenn wir im Ritual den Raum und die Zeit "heiligen", dann verwandeln wir unseren Körper in einen "Tempel" - und unser profanes Ich in ein "göttliches" Ich. Dann wohnt in uns die "göttliche" Schwingung, die unser Leben ganz macht und heil macht.

Wir würden keine neuen Rituale brauchen, hätten wir diese alten Bewußtseins-Ritual-Gesamtkunstwerke. Da wir ihrer aber in der säkularisierten westlichen Urbangesellschaft verlustig geraten sind, müssen wir dieses Vakuum irgendwie auffüllen, um Menschen wieder in den Genuß der "großen Gesundheit" bringen zu können - durch Sinnfindung nicht nur im Hier-und-Jetzt, sondern vor allem auch in den größeren Dimensionen menschlichen Seins. Dies geht natürlich nicht durch naive Übernahme/Kopie/Plagiaterie traditioneller Rituale, die oft nur im gesamten Sinnzusammenhang/Weltbild einer spezifischen Gesellschaft Sinn ergeben. Sehr wohl kann es uns aber gelingen, bestimmte Ritual-Elemente aus dem Gesamtkunstwerk Mensch (auf der universellen Basis des Menschseins, denn schließlich gehören wir ja alle einer einzigen Spezies an!!!) zu entlehnen und sie in die neu zu kreierenden Rituale, die eben in unserem eigenen postpostmodernen Sinnzusammenhang Sinn ergeben sollen, zu integrieren.

Dieser notwendigen Herausforderung wollen wir uns gemeinsam mit allen Menschen stellen, die an diesem großen Projekt der Förderung des Lebens durch rituell belebte Körper und leidenschaftlich glühende Seelen mitarbeiten wollen. Unsere gemeinsame Ritual-Arbeit könnte daher eine wesentliche Inspirationsquelle zur Sinnfindung für unser Leben im 3. Jahrtausend sein.


Artikel aus: FOCUS Informationszeitschrift Nr. 1/2000, S. 2-3 (Jan. 2000)