WELTBILD UND TRANSFORMATION
Dr. Rudolf Kapellner
Mit der Aufgabenstellung, den Begriff TRANSFORMATION in einen zeitgemäßen und zukunftsweisenden Kontext zu stellen, wagen wir uns diesmal an eine Thematik heran, welche die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt und im Verlauf der Zeiten zahlreiche Wandlungen durchgemacht hat. Dabei meinen wir nicht die mathematischen, chemischen, physikalischen oder medizinischen Aspekte des Begriffs, sondern jene, die den einzelnen Menschen wie Menschengesellschaften in ihrer seelisch / geistigen Entwicklung betreffen.
Betrachtet man dieses Thema heute aus dieser Perspektive der menschlichen Entwicklung, dann bemerkt man sehr rasch, daß auf Menschen bezogene TRANSFORMATION in unserem mechanistischen und ökonomisierten Weltbild kaum mehr einen Platz hat, vielmehr wird man sofort in die Welt der Religionen und Spiritualität verwiesen. Dabei erachten wir eine nachhaltige Beschäftigung mit TRANSFORMATION als einen Angelpunkt menschlicher Evolution schlechthin. Dies ist um so wichtiger, als alleine der Begriff TRANSFORMATION voraussetzt, daß es einen (neuen, anderen) Zustand gibt, in den sich zu "transformieren" erstens grundsätzlich möglich und zweitens auch wünschenswert ist. Damit wird ein Weltbild verlangt, in welchem solche unterschiedlichen Zustände selbstverständlich nebeneinander (oder auch ineinander) bestehen. Dies, so wissen wir, ist in unserem wissenschaftlich und ökonomisch dominierten Weltbild nicht der Fall, ja wird von vielen sogar vehement bestritten. Daher dient dieser Text u.a. dazu, zu dieser erforderlichen Erweiterung unseres Weltbildes einen kleinen Beitrag zu leisten und den Horizont unseres Verstehens ein Stück auszuweiten.
TRANSFORMATION, METAMORPHOSEN UND INITIATIONEN
Zu Beginn einer jeden ernsthaften Auseinandersetzung gehört es, die Begriffe selbst einmal klarzustellen und herauszustreichen, was wir darunter verstehen, sowie sie gegen andere Formulierungen abzugrenzen. Unter TRANSFORMATION versteht man im allgemeinen "Umformung, Umgestaltung, Umwandlung" (n. Brockhaus), auch "in eine andere Form (v.a.) überführen" - also jene Art von Veränderung, die mit einem grundlegenden Wechsel von Form und Nicht-Form einhergehen, der Gestaltung des Formlosen im Durchgang durch Form, sowie des Formhaften im Durchgang zum Formlosen.
Dies ist zu unterscheiden von METAMORPHOSE, einer Verwandlung, bei der das eigene, unwandelbare SELBST immer erhalten bleibt, auch wenn sich die (äußere) Gestalt (Form) wandelt. Man kann auch sagen, daß die Verwandlung in der Metamorphose wieder rückgängig gemacht werden kann, während bei der Transformation die alte Form zu Ende geht, stirbt, und die neu erlangte Form fest und dauerhaft installiert wird.
Und zuletzt ist davon auch das LERNEN zu unterscheiden, die sozusagen "schwächste" Form von Transformation: hier werden körperliche, seelische und geistige Fähigkeiten verändert, die alte Form kann durchaus beibehalten werden und das Gelernte kann auch wieder rückgängig gemacht werden (vergessen und verlernen).
Im Verlauf einer TRANSFORMATION werden Schwellen und Grenzen überschritten, die zu einer grundlegend neuen Gestalt (Form) führen, wobei die bisherige Gestalt (Form) hinter sich gelassen wird. Häufig geschah und geschieht dies während sogenannter "INITIATIONEN" als kulturell institutionalisierte Rituale im Rahmen der persönlichen Entwicklung.
Die Form-Veränderung, die bei der Transformation auftritt, ist natürlicherweise kein statisches Ereignis, sondern ein Prozeß, der in der Zeit verläuft, auch wenn er bisweilen extrem rasch und sprunghaft geschehen kann. Und bei Prozessen stellt sich sofort die Frage nach dem Verlauf sowie der Steuerung dieses Prozesses.
SPUREN, REISEN, LANDKARTEN UND MYTHEN
Die Idee der Steuerbarkeit von Veränderungsvorgängen ist schon sehr alt, sie taucht bereits etwa 17.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung auf (1). Es entstanden damals erste Rituale (v.a. rituelle Körperhaltungen), in denen man willentlich vorherbestimmen kann, daß und auch wie man sich verwandelt. In den alten Gesellschaften der Jäger, Sammlerinnen und Gartenbauer gehörte es zu den Fähigkeiten der Schamanen, die Trennlinie zwischen Mensch, Pflanze und Tier überschreiten zu können und dadurch zu neuen Einsichten und Erkenntnissen über das Wirken des Lebens zu gelangen, was sie wiederum in den Dienst der Gemeinschaft stellten.
Wenn wir heute eine "mentale Reise" unternehmen, um zu unserem persönlichen Krafttier zu gelangen, dann ist dies eine vereinfachte, zeitgemäße Art, den Spuren dieser alten Experten zu folgen, die Verbundenheit allen Lebens zu erahnen und uns die Weisheit und die Kraft anderer Lebewesen zugänglich und nutzbar zu machen. Um solche "Trancereisen" kennenzulernen und zu üben, haben wir u.a. auch den Trancelehrgang geschaffen.
Seit alters her bilden Mythen den Schlüssel zu den geistigen Entwicklungsmöglichkeiten des menschlichen Lebens, sie sind Geschichten auf der ewigen Suche nach Verständnis, Wahrheit und Sinn. Diese Geschichten sind wie eine innere Landkarte von Erfahrungswelten, gezeichnet von Menschen, die sie bereist haben. Es sind Geschichten über die Weisheit des Lebens, wobei die Hauptmotive in allen Kulturen dieselben sind: die Erschaffung der Welt, Tod und Auferstehung, die Frage nach dem gesellschaftlich angemessenen Handeln, die Suche nach Weisheit, etc. Nur in der Form unterscheiden sie sich je nach Art der Kultur. Viele dieser Mythen sind zum Teil genaue Handlungsanweisungen, wie TRANSFORMATION zu betreiben, durchzuführen und zu steuern ist. Die klassischen Transformationsmythen der Ackerbaukulturen sind die "Heldenreisen" (3, 4), bei denen der Held häufig eine Aufgabe zu lösen hat, die mit einer inneren Transformation einhergeht, meist mit einer Art Sterben und Tod von Anteilen der Persönlichkeit, des Ichs, bestimmter Weltbilder und/oder bestimmter Verhaltensweisen. Der Weg verläuft meist entlang ähnlicher Schritte, die in Bereiche außerhalb oder unterhalb des Alltagsbewußtseins führen. Dieser Abstieg in die eigene Tiefe konfrontiert den Helden mit verborgenen, tief vergrabenen Anteilen seiner Person, mit ungenutzten, unentdeckten, unentwickelten Potentialen, zurückgedrängten Emotionen, inneren Dämonen, tiefsitzenden psychischen Komplexen und letztlich auch mit dem "Biest" in uns - der "unerlösten Seite" unserer Persönlichkeit. Wie alle Transformationsmythen gehen auch die Heldenmythen einher mit einer Integration des Sterbens und des Todes und der Neu- bzw. Wiedergeburt eines neuen Wesens.
Ein hochinteressantes Beispiel liefert uns die griechische Mythologie in der Gestalt des Herakles, der die Hydra beseitigen soll. Die Hydra entspricht dem Biest in uns, und die Anweisungen, die Herakles erhielt, um die Hydra töten zu können, lautete:
"Wir erheben uns im Knien, wir erobern durch Hingabe, wir gewinnen durch Aufgabe."
Der Held Herakles hatte also genau jene Verhaltensweisen, die sein männliches Ideal der Überlegenheit kennzeichneten, hinter sich zu lassen (zu transformieren). Er erhielt am Ende jenen Schatz der Neugeburt, der, in unsere heutige Sprache übersetzt, eine Befreiung der gefangenen Energie, größere Lebendigkeit und Kraft (weil mehr mit unserem Inneren verbunden), einen erweiterten Ausdruck der Persönlichkeit sowie neue Einsichten, Verständnis und neue Lebensoptionen bedeutet.
TRANSFORMATION, TOD UND WIEDERGEBURT
Wenn also der Transformationsprozeß mit dem Tod einer alten Form verbunden ist, so ist die größte Transformation, die der Mensch im Leben erleben kann, die des eigenen Todes. Es ist daher nicht verwunderlich, daß sich viele Transformationsmythen und Transformationsrituale mit dem Tod beschäftigen, dem eine neue Geburt, eine Auferstehung folgt.
Die schönste Art der Darstellung dieser Tod/Geburt - Thematik finden wir bei Felicitas Goodman, die erläutert, daß das verborgene Muster bei allen Ritualen der Vorgang der Geburt ist (das war den Männern unter den Anthropologen immer verborgen geblieben) (2). Denn Rituale sind Formen der Transformation der Geburtsvorgänge ins Rituelle, zum Wiedererleben des ergreifenden Dramas der menschlichen Geburt - und es wird mit dem Auftreten des männlichen Totengeistes und der rituellen Zeugung der Kreislauf von neuem begonnen... Dabei ist das religiöse Ritual selbst die erhabenste Form menschlicher Kommunikation, das Feiern des Menschseins, das, was den Menschen zum Menschen macht. Es versetzt uns auf eine völlig andere Ebene der Wirklichkeit, die eine andere Geordnetheit hat als der Alltag. Die Tiefenstruktur der Rituale zeigt: das Erleben der religiösen Trance und das damit verbundene Erleben von Ekstase ist der Kern dieses Menschseins. Damit spannt Felicitas Goodman einen weiten Bogen rund um Geburt, Tod, Transformation, Rituale und Ekstase, und hat damit diesen Formenkreis sehr treffend beschrieben.
TIBETISCHE BARDOS UND DIE PERINATALE MATRIX
Wir haben uns einerseits mit dem Thema "Transformation innerhalb des Lebens" beschäftigt und es erscheint mir unerläßlich, die beiden großen Schwellen, Tod und Geburt selbst, als die elementaren Transformationsphasen der Menschen näher zu betrachten. Das Sterben und der Tod ist bei den Tibetischen Buddhisten der wichtigste Moment im Leben überhaupt, und die Vorbereitung darauf ist die wichtigste Aufgabe im Leben. Daher hat der Tibetische Buddhismus über viele Jahrhunderte hinweg ein komplexes System an theoretischen und praktischen Anweisungen und Meditationsformen aufgebaut, welches in der heuten Welt einzigartig dasteht (5). In diesem Wissen um Sterben und Tod finden wir das Modell von vier Übergangsphasen ("Bardos"), die wir zwischen dem Sterben und der nächsten Wiedergeburt durchlaufen.
Auch im "normalen Leben" passieren wir kontinuierlich verschiedenste "Bardos", diese sind dann kraftvolle Gelegenheiten zur Befreiung, zur Transformation. Diese Bardos sind wie andere Wirklichkeiten, sind andere Zustände des Geistes, sind andere Bewußtseinsebenen. Dieses vielschichtig ausgearbeitete Wissen der Tibeter über den angemessenen Umgang mit solchen Bardos steht uns z.B. mit der Dzogchen-Meditation zur Verfügung. Daß das Durchleben der anderen Schwelle des Lebens, die Geburt, einen ähnlichen Verlauf wie das Sterben und der Tod aufweist, ist faszinierend und besonders bemerkenswert. Stan Grof hat dies in seinen Arbeiten ausgiebig erforscht und beschrieben (6). Er entdeckte vier Phasen des Geburtsvorganges, die er die "perinatale Matrix" nennt. Wie nun der einzelne Mensch diese vier Phasen erlebt, bestimmt auf einer sehr tiefen Ebene sein gesamtes Leben.
... UND SO SCHLIESST SICH DER KREIS...
Daß die vier Phasen der perinatalen Matrix nach Grof den vier Bardos der tibetischen Buddhisten in Struktur und Ablauf gleichen (also Isomorphie zeigen), mag nicht mehr verwundern, zumindest sehen es beide, Stan Grof und Lama Sogyal Rinpoche, auf diese Weise (7). Man kann es so verstehen, daß wir bei der Geburt über vier Stufen ins Leben hinab (oder hinauf) steigen und beim Sterben in wiederum vier solchen Stufen das Leben verlassen. Und so schließt sich der Kreis, der mit der Geburt beginnt, übers Leben zum Tod führt, und (wie in der buddhistischen Vorstellung) wieder zur Geburt führt...
"... GEBURTEN UND LIEBELEIEN UND HOCHZEITEN UND BESTATTUNGEN, UND GEBURTEN UND LIEBELEIEN UND HOCHZEITEN UND BESTATTUNGEN, UND GEBURTEN, ..."
James Joyce, in "Finnegans Wake"
DR. RUDOLF KAPELLNER studierte Philosophie, Psychologie, Physiologie und Elektronik. Er ist Mitbegründer von FOCUS und Mitglied des FOCUS Teams.
- (1) Felicitas Goodman, "Ekstatische Trance", S. 82f, Edition Nada, 1998
- (2) Felicitas Goodman, "Ritualverhalten - Geburt, Tod, Transformation", FOCUS-Zeitung 1/2000
- (3) Joseph Campbell, "Der Heros in 1000 Gestalten", Suhrkamp-Taschenbuch
- (4) Peter Orban, "Die Reise des Helden", Kösel Verlag 1983
- (5) Lama Sogyal Rinpoche, "Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben", Scherz Verlag, 1992
- (6) Stan Grof, "Geburt, Tod und Transzendenz", Kösel Verlag, 1985
- (7) bei der Konferenz "Tod, Geburt, Transzendenz" in Rütte im Schwarzwald (1985) wurden diese beiden Sichtweisen erstmals in dieser Weise nebeneinandergestellt.
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