SPIRITUELLE KONZEPTE UND GLAUBENSSYSTEME
Dr. Rudolf Kapellner
Jede Kulturepoche hat ihre typischen Auffassungen und Annahmen über jenes Etwas, das größer ist als der einzelne Mensch, sowie alle individuellen wie kollektiven Beziehungen der Menschen zu diesem Etwas. Diese Anschauungen sind immer Teil der menschlichen Glaubenssysteme, die die innere geistige Organisation der Menschen widerspiegeln. Dabei können sich individuelle Glaubenssysteme nur im Rahmen der sozialen Realität, in der der einzelne existiert, manifestieren.
Mit dem wahrscheinlich größten Paradigmenwechsel der Menschheitsgeschichte - der Schritt von matrilinearen Kulturen (von etwa 300.000 v. Chr. bis etwa 4.000 v. Chr.) zu patriarchalen (von etwa 4.000 v. Chr. bis heute) ging auch ein Wechsel der landwirtschaftlichen Bebauungskultur einher: der Wechsel vom Jäger, Sammler und Gartenbauer zum Ackerbauer.
F. Goodman's Arbeiten beschreiben in vielfältiger Weise die Kulturen der Gartenbauer, ihre Gemeinschaftsformen und ihre Lebensweisen. Charakteristisch für die Kulturen der Jäger, Sammlerinnen und Gartenbauer war ihre Verbundenheit und Einssein mit der Natur, das seinen höchsten Ausdruck in dem fand, was F. Goodman die "religiöse Ekstase" nennt. In dieser Zeit des Gartenbaus gab es noch kein autonomes Ich, wie wir es heute kennen, sondern nur ein Wir, dem das Ich des einzelnen untergeordnet war. Das Religiöse dieser Zeiten war getragen von der "dreifachen Göttin" und dem Eingebunden-Sein in das zyklische Werden und Vergehen des Lebens.
Die dahinterstehenden Motive und der eigentliche Hergang dieser historischen Zeitenwende liegen aus heutiger Sicht völlig im Dunkel, einzig die Tatsache des "Göttinnen-Mordes" ist vereinzelt überliefert.
Mit dem Patriarchat und der damit verbundenen Entwicklung des Ackerbaues entstanden jene Form der inneren Organisation, die heute im Ich (Ego) ihre Hochblüte erreicht hat. Das gemeinschaftliche Wir ist dabei fast vollkommen in den Hintergrund getreten, die Menschen betrachten sich als voneinander und von der Natur getrennte Einzelwesen; die früher selbstverständliche Verbundenheit liegt gänzlich außerhalb der Wahrnehmung und ist in der kollektiven wie individuellen Bewußtheit überhaupt nicht mehr vorhanden.
Mit der patriarchalen Abtrennung von der Natur und den Mitmenschen hatte sich auch eine Trennung von Geist und Natur herausgebildet. Die kollektiv leitenden Mythen der "Herrschaft der Menschen über die Natur" wiesen an, sich die Erde untertan zu machen, wobei mit der Natur auch das Weibliche schlechthin unterworfen wurde. Diese Abspaltung fand ihren Höhepunkt in der cartesianischen "Leib-Seele-Dualität" der Wissenschaft, die bis heute gültig ist, und findet heute ihren Gipfel im gentechnologischen Klonen der Menschen. Alle Relikte der "religiösen Ekstase" wurden über die Jahrtausende hinweg systematisch verdrängt und nahezu völlig ausgemerzt. Dennoch ist bis heute ist etwas geblieben, das als "spirituelle Sehnsucht" gerade in der Zeit des totalen Materialismus noch immer fühlbar ist.
Nachdem die patriarchalen Kulturen die Verbundenheit mit der Natur "aufgekündigt" hatten, entstand ein "leeres Feld" - wo früher die Verbundenheit mit der Natur und der Göttin pulsierte, war ab nun eine Projektionsfläche "freigeworden", auf welche die eigenen Ideen der Menschen von sich selbst projiziert wurden. Anstelle von Natur und Göttin traten mentale Konstrukte, die wir heute religiöse Glaubenssysteme nennen - pure Projektionen, die den Namen "GOTT" bekamen. Jede der darauf folgenden patriarchalen Kulturen schuf sich ein für sie charakteristisches Bild von GOTT, wobei jedes einzelne Gottesbild nichts anderes war als eine "Simulation" der Menschen von sich selbst (siehe: "Wo Gott wohnt" von Adolf Holl).
Wenn wir also über spirituelle Konzepte, über GOTT und über zukünftiges Bewußtsein sprechen wollen, ist es notwendig, daß wir uns unsere eigenen Simulationen von uns selbst (die "Nachahmungen und Nachäffungen", die wir uns auferlegen) vor Augen führen. Wichtig dabei ist zu erkennen, daß diese unsere Projektionen und Simulationen von Gott ein Teil unserer inneren Organisation und Teil unserer Struktur sind, aber daß wir nicht diese Struktur sind, sondern daß wir sie haben.
Sobald eine geistige Struktur die eigenen strukturellen Bedingungen zu erkennen gibt, wird sie sich ihrer in einer zuvor nicht möglichen Weise bewußt werden können. Denn Glaubenssysteme sind wir Eisberge: sie liegen zu 90% unter der bewußt wahrnehmbaren Oberfläche, sie liegen unterhalb des gewöhnlichen Wahrnehmungshorizontes. Diese Glaubenssysteme in Form von "Simulationen von Gott" beinhalten all jenen Szenarien, Mythen und Modelle der inneren und äußeren Realität, die unserem Denken, Handeln, Fühlen und Wahrnehmen zugrunde liegen.
Die Wandlung unseres spirituellen Konzeptes:
Die aktuellen weltweiten Dynamiken erlauben den Schluß, daß die "Zeitenwende", von der alle sprechen, eine ähnlich umwälzende Qualität haben könnte, wie der damalige Wechsel von den matrilinearen zu den patriarchalen Kulturen. Und wie damals, so ist auch heute unser spirituelles Konzept davon betroffen.
Das bisherige (und noch immer gültige) spirituelle Konzept ist ein vertikales, d.h. es hat eine vertikale Orientierung:
Gott ist oben, Ich bin unten;
wenn ich hin zu Gott will, dann gehe ich weg von mir.
In den matrilinearen Gesellschaften wurde der Wert einer Sache, eines Ereignisses, etc. aus seiner reichlichen Verfügbarkeit abgeleitet; das Heilige war das Zyklische (immer Wiederkehrende) und die dreifache Göttin, die in jeder Frau zum Leben kam. In den spirituellen Konzepten der patriarchalen Kulturen hingegen bestimmte sich der Wert ebendieser Dinge und Ereignisse aus deren Seltenheit; das Wertvollste und Heiligste mußte daher so selten sein, daß es im täglichen Leben gar nicht mehr vorkam (wie z.B. die Gottkönige, oder eben GOTT selbst).
Körperfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Naturzerstörung, die Allmachts-Phantasien einer "zweiten Schöpfung" mit Hilfe der Gentechnologie - all das sind Ausdrucks- und Erscheinungsformen des beschriebenen partriarchal-vertikalen Konzeptes. Allerdings zeigen sich heute ganz starke Zeichen dafür, daß dieses vertikale Konzept nicht mehr "funktioniert"; viele Menschen hätten durchaus noch gerne, daß dieses Konzept weiterhin besteht, doch es funktioniert einfach nicht mehr so richtig: Die aus diesem alten Konzept abgeleiteten Modelle fürs Leben haben ihre Wirksamkeit, uns zu leiten, verloren; ein Ersatz ist dringend notwendig geworden.
Dem vertikalen Konzept stehen heute zunehmend neue Impulse, neue Ansätze, neue Denkweisen und neue Kommunikationsformen (sichtbar z.B. in den virtuellen Gemeinschaften) und neue Formen des Zusammenlebens gegenüber. Unser Körper erhält wieder die zentrale Bedeutung für unser Leben, die ihm angemessen ist (obwohl der Fitness-Kult noch auf dem alten Körperfeindlichkeit aufbaut, bewirkt er doch erste Verschiebungen in Richtung eines neuen Körperverständnisses: Vom Körper, den ich habe, zum Leib, der ich bin.
Die Verlagerung der spirituellen Orientierung in die Horizontale hebt die vorgegangene Trennung zwischen dem Menschen und Gott auf, indem wir mit Gott verschmelzen; jetzt stehen sich nicht mehr Mensch und Gott gegenüber, sondern ein Ich und ein Du, beide tragen das Menschliche und das (vormals) Göttliche gleichermaßen in sich. Beide sind Mensch und Gott geworden; wir entdecken, daß wir die Götter sind, die wir die ganze Zeit angebetet haben.
Ein neues spirituelles Konzept
Das neue spirituelle Konzept wird also ein horizontales sein, eines, das in der Gemeinschaft der Menschen verwurzelt, das - wie der Nobelpreisträger Francesco Varela formulierte - "die Liebe als Kitt des Universums" im Wesen trägt. Es sind nicht Drogen (wie Extasy), es sind jene Jugendlichen, die sich nach neuer Verbundenheit sehnen und mittlerweile sogar ein wenig gelernt haben, mit anderen Bewußtseinsbereichen als dem alltäglichen (etwas besser) umzugehen (wie im Chill-out bei den Techno-Raves). Wenn die aus den Greuel der Inquisition und den Verbrechen der Prohibition (die, was Marihuana betrifft, heute noch andauert) entstandene tiefe Angst vor Bewußtseinsveränderung sich löst, wenn Bewußtseinserweiterung über Trance, Meditation und auch Drogen zur Alltäglichkeit wird, so sind das die ersten Schritte einer vorprogrammierten, weitreichenden kollektiven Bewußtseinsveränderung. Das Bedürfnis nach horizontaler Spiritualität erwacht vorsichtig und zart als Wir-Gefühl, als gelebte Verbundenheit in menschlichen Gemeinschaften.
Absichtslosigkeit und Wir-Gefühl:
Absichtslosigkeit - so schön es klingen mag, ist in unserer Welt eine Fiktion, es gibt sie nicht; dennoch gibt es einen Bereich unseres Bewußtseins, in welchem Absichtlichkeit nicht vorhanden ist: von genau jenem mentalen Zustand aus, in welchem ich NICHTS will, läßt sich eine völlig neue Form von Begegnung mit Menschen entwerfen. Heute sind wir noch völlig ungeübt darin und wissen kaum, wie sich dieser "absichtslose Zustand" anfühlen könnte; doch mit ein wenig Übung, gepaart mit spielerischer Leichtigkeit und fürsorglicher Hinwendung (nicht: "ich gebe Dir etwas, von dem ich weiß, daß es Dein Bestes ist", sondern: "was brauchst Du?") könnte diese Absichtslosigkeit genau jener Attraktor für den bereits laufenden evolutionären Quantensprung sein, der die Veränderung bewirkt, an der die 68iger gescheitert sind.
Absichtslosigkeit und Wir-Gefühl als neue Attraktoren für Evolution? Es wäre wert ausprobiert zu werden...
Zen-Spruch (zur Absichtslosigkeit):
Während er die Versammlungshalle zur Konferenz über Zen-Buddhismus betritt, wird Meister Huang-Po von seinen Schülern gefragt, was er über Zen-Buddhismus sagen werde; Meister Po antwortete: "Über Zen-Buddhismus kann man nicht sprechen; da damit bereits alles, was es dazu zu sagen gibt, gesagt wurde, ist diese Konferenz beendet!"
Das "Neue Heilige":
Somit ist das "Heilige" nicht mehr ein Gott, der "weit oben im Himmel wohnt", die Gemeinschaft der Menschen selbst wird zum Heiligen werden. Und damit wird das Heilige in einem horizontalen spirituellen Konzept alltäglich, verliert somit seine "Heiligkeit" und mündet letztlich in "die (all)tägliche Kommunion der Menschen" (M. Buber)
"... Wir kennen die Gesetze der Gemeinschaft. Wir kennen die heilenden Kräfte, die sie auf Individuen ausübt. Fänden wir einen Weg, dieses Wissen auszudehnen, könnten dann diese selben Gesetze nicht auch eine heilende Wirkung auf unsere Welt haben?
Der Mensch ist oft als soziales Tier bezeichnet worden. Doch noch sind wir kein Gemeinschaftswesen. Um zu überleben, müssen wir Beziehungen miteinander eingehen. Dies tun wir jedoch nicht mit der Hingabe, dem Realismus, dem Selbstbewußtsein, der Verletzlichkeit, dem Engagement, der Offenheit, der Freiheit, der Gleichheit und der Liebe einer echten Gemeinschaft. Es reicht ganz offensichtlich nicht mehr, nur ein soziales Tier zu sein, auf Coctailparties miteinander zu plaudern oder im Geschäftsleben und über Grenzen hinweg lautstark aufeinander loszugehen. Es ist unsere Aufgabe - unsere wesentliche, zentrale, entscheidende Aufgabe - uns selbst von einem bloßen sozialen Tier in Gemeinschaftswesen zu wandeln. Nur auf diesem Wege kann menschliche Entwicklung weiter fortschreiten."
M. Scott Peck, "The Different Drum: Community-Making and Peace"
Von:
"cogito, ergo sum"
Ich denke, also bin ich
zu:"sumus, ergo sum"
Wir sind, also bin Ich.
Zusammenfassung: Die neue Spiritualität:
weg von der Anbetung eines abwesenden Gottes weit oberhalb von uns (vertikales spirituelles Konzept), hin zum Einbinden in die Gemeinschaft der Menschen (horizontales spirituelles Konzept)
das Wahrnehmen und Erleben der Verbundenheit aller Menschen wird zum wichtigsten Attraktor für unsere Evolution
ausgehend von einer befreiten Selbst-Liebe wird All-Liebe (die Liebe zu allen Wesen, dem ganzen Kosmos) zum Kitt des Universums (Varela, 1989)
All-Liebe als die tragende "Schwingung" der Gemeinschaft der Menschen
das persönliche Glück (glücklich sein über die Tatsache, daß wir JETZT leben) als stille Euphorie und heitere Gelassenheit, verbunden mit dem inneren Frieden mit der Welt wird zum zentralen Instrument für unsere Evolution
(erfülltes und glückliches Lebens statt Ersatzkonsum)
Glück als Motiv und Absicht der Evolution
die Befreiung des Geistes von den alten Programmen und den damit verbundenen inneren Grenzen geschieht über mentale Balance, Trancen, paradox arousal, etc., also alles Methoden nicht-alltäglicher Bewußtseinszustände
das "Leere Selbst" (Varela) wird zum Nährboden für zukünftige Evolution
ein neues Verständnis unseres Körpers (den wir ja täglich mißhandeln und mißachten, indem wir ihn festzurren und unserem Willen unterwerfen) verlangt die natürliche Fähigkeit zu Trance und Ekstase wieder zu erlernen und den Körper endlich zu jenem Resonator für kosmische Energie werden zu lassen, der er immer schon gewesen ist;
das bedeutet eine neue Rückbindung zu unserem Ursprung, unserer Herkunft, zum Planeten selbst, was uns direkt zu Umweltbewußtsein und Ökologie führt
(vergl. F. Goodman: Ökologie als neue Religion der Städter)
Neue Spiritualität bedeutet daher ein Dienen an der Evolution der Menschheit, mit dem Menschen im Mittelpunkt.
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