DER EKSTASE - ATTRAKTOR
Erinnerungen an die Zukunft
Dr. Rudolf Kapellner
"Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern daß sie ist."
Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus
Wird heute über Ekstase gesprochen, so geschieht dies zumeist in psychologischen, ethnologischen, physiologischen oder pathologischen Kategorien. Doch das, was damit gefaßt werden kann, ist nicht die Ekstase, sondern nur Begleiterscheinungen (Korrelate...) davon, wie sie sich einem externen Beobachter vielleicht zeigen würde. Die mit solchen Ordnungsbegriffen gefundenen Erkenntnisse können mich bestenfalls interessieren, aber auch das nur in zweiter oder dritter Hinsicht. Worum es mir hier und in meinem täglichen Leben geht, bleibt jenseits dieser Erkenntniskategorien, liegt hinter diesen Ordnungsbegriffen, kann von diesen nicht eingereiht werden - es ist das Erleben selbst. Es ist auch nicht die Erfahrung, weil die Erfahrung erst auf das Erleben folgt, weil das Erlebnis vor der Erfahrung steht. Genausowenig geht es mir um die Ästhetik, die Schönheit, die Sprache, die Formulierung, auch wenn manches Gedicht das unbeschreibbare Erlebnis hindurchtönen läßt.
Mir geht es um die Ekstase als Erleben der Seele von sich selbst, von ihrem tiefsten Grunde her, in ihrer vollkommenen Verbundenheit mit der Welt - die Ekstase als das Zusammenfließen von Inhalt und Subjekt der Erfahrung, als die Einheit des Ich, die Einheit der Welt und darin die Einheit von Ich und Welt, ungetrennt und grenzenlos, als Offenbarung seiner unendlichen, ewigen Freiheit, in tiefem Erstaunen über das Vorhandensein der Welt.
Vom Sagenwollen des Unsagbaren zum Nichtsagenkönnen: Grundsätzlich ist die Ekstase ihrem Wesen nach unbeschreibbar, unbenennbar, unsagbar. Da der Mensch zur Einheit von Ich und Welt und Allem gelangte, ist auch die sprachliche Zweiheit aufgelöst, sie kann in diese Einheit nicht folgen. Niemals wird Sprache dies erreichen, dieses Andere, das kein Anderes mehr hat. Daher ist das Erlebnis von Ekstase auch jenseits von Gemeinschaft, weil kein getrenntes Du existiert - somit ist Ekstase einsam ohne Einsamkeit, da es keine Vielheit, somit auch keine Zweiheit, kein Du im Ich mehr gibt, weil sich Ich und Du und Welt vereint haben. Doch sobald der Mensch redet, hat er die Einheit bereits verlassen, und "sobald sie sagen, sagen sie schon das Andere." (1)
Dennoch entspringt gerade aus der Gewalt des Erlebnisses ein Brennen nach Worten, nach Mitteilung, nach Gemeinschaft (was häufig von dieser wenig geteilt und mitgewollt wird), der Ekstatiker fühlt die Unsagbarkeit unüberwindlich und muß es trotzdem versuchen, auch oder gerade weil die Ekstase schon gestorben, weil er wieder in die Zeit hineingetreten ist, weil er das Gedächtnis an das Unerinnerbare bewahren will, und weiß jeden Moment, daß er scheitern wird, bei der Be-Nennung und der Er-Innerung im Alltag.
Manchmal sind es Gedichte, die überleben... Wenn also die Ekstase selbst unsagbar ist, dann ist alles, was darüber gesagt werden kann, entweder eine Interpretation, welche jedoch niemals das Erlebnis fassen kann, oder man hätte besser geschwiegen - was häufig zu jenem beredten Schweigen der Mystiker führte, sowie zum Ausspruch, daß nur diejenigen, die Ekstase nicht erlebt hätten, darüber sprechen... Die Interpretationen des Erlebnisses hingegen finden immer vor dem jeweiligen religiösen oder philosophischen Hintergrund statt. Für das Mittelalter war Ekstase immer nur interpretierbar vor dem Hintergrund der christlichen Polarisierung von "Gott und Teufel", womit für viele, die Ekstase erlebten, eine oft lebenslange, fremd- oder selbstverabreichte Quälerei begann, ob denn dieses Erleben nun "des Teufels" oder "Gottes" sei...Für den aufgeklärten Menschen hingegen ist Ekstase gar nicht der Fall, denn für ihn haben alle Dinge, die der Fall sind, auch Gelegenheit zu erscheinen und können der Natur als Beweisbares "entrissen" werden (Descartes) oder sie existieren einfach nicht, sie sind nicht der Fall. Was dem mittelalterlichen Menschen fehlte - der externe Beobachter - damit identifizierte sich nun der aufgeklärte, wissenschaftliche Mensch, und da dem externen Beobachter die Ekstase eher wie ein pathologischer Anfall vorkommen mag denn wie höchste Verzückung, hatte dies eine mehrhundertjährige Ausdürrung der Gesellschaft an Ekstase-Erlebnissen zur Folge (3). Diese "Verknappung" wurde von Felicitas Goodman als "Ekstasedeprivation" (d.h. systematischer Entzug von Ekstase) benannt (4). Auch die transkulturellen Untersuchungen von Erika Bourguignon (1973) belegen, daß derartige Ekstase-Erlebnisse in über 90 % aller Gesellschaften der Welt als Teil der religiösen und therapeutischen Praxis institutionalisiert sind - unsere westlich-abendländische Kultur allerdings zu den 10% der ekstase-armen zu zählen ist.... (5)
Jemand fragte mich, welches die Empfindungen eines Liebenden seien.
Ich antwortete: "Wenn du ein Liebender bist, wirst du es wissen."
Baba Lal, in den Gärten des Dschaffer Khan Saduh, a.D. 1649 (2)
Gibt es eine "zeitgemäße Ekstase"? Seither hat die postmoderne Entwicklung ausdifferenziert, vielfach und ausgiebig. Die verabsolutierten Konfessionen wurden abgelöst durch einen pluralistischen Konfessionalismus einer "Mehrsprachlichkeit Gottes", der sich am Markt behaupten muß und die individuelle Nützlichkeit und Nutzbarmachung eines "zumindest an irgend etwas zu glauben" durch Gesundheitsstatistiken belegt und damit profitabel macht. Verkaufsetiketten wie "Ekstase für Anfänger", "Erleuchtung für Jedermann" oder "Der Himmel ist um die Ecke" (6) suggerieren, daß ekstatisches Erleben nahezu instantan gekauft werden kann und daß moderne Ekstase so leicht ginge wie etwa auch das Meditieren (von dem gesagt wird, man brauche nur die Augen zu schließen und leicht vor sich hinzudösen....).
Vor diesem Hintergrund muß eine zeitgemäße anzustrebende Trance- & Ekstasekultur (Mystik) als Grenzwert einer normalen Welterfahrung aufgefaßt werden, nicht als lauwarme Bewässerung für eine waren- und marktgerechte (und doch ausgetrocknete) Psyche, sondern als jene seelisch-geistige Stelle ("Zone"), an der die Welt sowohl vollkommen verschwindet als auch wieder aufgeht. Peter Sloterdijk zeichnet in seinem "Mystischen Imperativ" (7) ein Bild einer zeitgemäßen wie zukunftsweisenden Menschenkultur, welche Ekstase und mystische Zustände in die moderne Lebensweise zu integrieren vermag: Das moderne Ich, das sich tief in seine vulgären Visionen vom Erwachsenenerleben verstrickt hat, das sich wie im Heldenmythos in der Arena von Arbeit und Kampf um Überlebenschancen gerüstet, seinen Innenraum eingeengt, reduziert und verschlossen hat, erhält durch die Erinnerung an sein ozeanisch-ekstatisch-vorgeburtliches Dasein einen elementaren Bruch ebenso wie eine unermeßliche Erweiterung: die mystische Botschaft (der Ekstase) als elementare anthropologische Information, daß diese Welt nur eine Projektion des kämpfenden Ichs ist und nur die Landkarte, nicht das Land selbst. Damit verbunden ist die Aufforderung, den Krieg der kämpfenden Ich-Träger zu beenden (was bedeutet, daß der Raum, in dem wir leben, ein unmarkierter Raum WELT ist und keine Kämpfe um Leben und Tod auf der Linie der Ich-Positions-Gefechte rechtfertigt). Damit skizziert Sloterdijk das, was von einem idealtypischen spirituellen Erwachsenen in der Hochkultur zu fordern wäre: auf der Basis eines gefestigten Ich unter voller Belastung des alltäglichen Arenakampfes sich die Fähigkeit zu erwerben (wieder zu erwerben), einerseits ekstatische Ausnahmezustände erleben zu können ("mystisches Katastrophenkonzept"), andererseits kontinuierlich jeden wachen Moment im Leben durchzogen zu haben von der "gleichbleibenden Einstrahlung einer gleichbleibenden Unentschiedenheit" ("mystisches Kontinuumskonzept") - als jeweils einen Aspekt der anthropologischen Dimension des homo sapiens sapiens.
Der Ekstase-Attraktor: Doch während die Erinnerung des Gehirns an sein vorgeburtliches In-Etwas-Schweben-Sein sich auf eine Ekstase vor der Geburt des Ich, vor der Geburt der Sprache und damit vor dem Entstehen eines Erwachsenen-Ich bezieht, so gibt es eine "zweite" Ekstase, die anders als die vorgeburtliche erlebt wird: die "Erwachsenen-Ekstase", die erst nach der Ausbildung des um Überlebenschancen kämpfenden Ich erlebt werden kann; das vorgeburtliche Ekstaseerlebnis, das gleichermaßen "vorbewußt" erlebt wird, unterscheidet sich in seiner Qualität von jener späteren Ekstase, die bewußt, gezielt und beabsichtigt, auf eben der Grundlage eines erwachsenen Ich herbeigeführt wird. Bei der ersten, vorgeburtlichen Ekstase ist das Erleben der Begrenztheit, der Körpergebundenheit, der Getrenntheit nur als Option, als mögliches Muster, angelegt; das Ekstaseerleben des Erwachsenen hingegen geschieht vor dem Hintergrund der bereits manifesten und damit erinnerbar erlebten Begrenztheit und Getrenntheit, und ist von jener anderen, zweiten Qualität durchwoben, wie sie der Erwachsenen-Ekstase zu eigen ist: das Ich erlebt etwas, das es vergessen hat und nun als neues Anstrebenswertes bewußt vor sich auflegt - die Erinnerung macht den Berg wieder zum Berg, doch nun auf der Grundlage des "Verstehens", wie es die Mystiker des Zen meinen. *)
Damit scheint mir ein neues Verständnis von Ekstase aufzuziehen, in welchem das ekstatische Erlebnis für das Individuum wie für das Kollektiv der Menschen generell die Funktion eines Attraktors**) hat: der "Ekstase-Attraktor" - das Ekstase-Erleben als jener Attraktor, der die weitere Evolution der Menschheit entscheidend bewegen wird, weil er uns selbst bewegt, drei große "Ausdürrungen" wieder zu bewässern:
- 1. die moderne Identifikation (Fixation) mit dem externen Beobachter (wie sie in der Wissenschaft auf die Spitze getrieben wurde) weiterzuentwickeln und die Position des "Verschwindens und Wiederauftauchens von Welt" neu weil bewußt zu integrieren, sowie
- 2. die postmoderne, marktgemäße und damit eindimensional gewordene Alltagsreligiosität zu einem "entfalteten Wirklichkeitsbewußtsein" zu erweitern, und letztlich
- 3. das monochromatisch gewordene Erwachsenen-Ich um das bewußte Wissen um das Weiche, das Formlose, um das Unbedingte zu ergänzen und zu einer neuen anthropologischen Dimension zu führen.
Anmerkungen:
*) der entsprechende Zen-Koan, auf den hier Bezug genommen wird, heißt: "zuerst ist der Berg ein Berg, dann ist er kein Berg, und zuletzt ist er wieder ein Berg", oder, ausführlicher formuliert: "wenn wir noch nicht verstehen, ist der Berg ein Berg; wenn wir beginnen zu verstehen, ist der Berg kein Berg mehr; doch wenn wir verstehen, ist der Berg wieder ein Berg."
**) der Begriff "Attraktor" kommt aus der Chaostheorie und bezeichnet einen (fiktiven) Endzustand eines Systems, auf den sich das System hinbewegt; ein Attraktor kann daher (vereinfacht) beschrieben werden als etwas, das das System "anzieht", d.h. sich auf einen bestimmten Zustand in der Zukunft hinbewegen läßt.
Literaturhinweise:
- (1) "Mystische Zeugnisse aller Völker und Zeiten", gesammelt von Martin Buber, Hrsg. Peter Sloterdijk, Diederich Gelbe Reihe Nr.100 (1993), S. 62
- (2) ebenda, S. 69
- (3) Martin Buber, in "Gottesfinsternis", Zürich 1953, "... extreme Verknappung von Erfahrungen, die sich als direkte Manifestation der Transzendenz deuten lassen"
- (4) in zahlreichen Texten immer wieder erwähnt, auch in FOCUS-Publikationen
- (5) zit. nach Adolf Dittrich, "Ätiologie-unabhängige Strukturen veränderter Wachbewußtseins-Zustände", Zürich, 1978
- (6) Titel von Michael Barnett, Zürich 1988, typisch für die Tendenz, Mystik leicht zugänglich zu machen
- (7) Peter Sloterdijk, "Der mystische Imperativ", in "Mystische Zeugnisse", Diederich, 1983
DR. RUDOLF KAPELLNER studierte Philosophie, Psychologie, Physiologie und Elektronik. Er ist Mitbegründer von FOCUS und Mitglied des FOCUS Teams.
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