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ACKERBAU UND MENTALE MONOKULTUR

Dr. Rudolf Kapellner

Die Ausgangslage ist folgende:

Vor etwa 10.000 Jahren, mit dem Neolithikum, begann sich die damals allgemein verbreitete Kultur der Gartenbauer zu wandeln. Bis dahin war die gängige Lebensweise die der Jäger, Sammler, Nomaden und Gartenbauer, mit einer tiefen Verbundenheit mit der Natur, ihren Geschöpfen und ihren Geistern. Als grundlegende Lebensregel galt die Angemessenheit der Handlungen, welche aus der aktuellen Situation abgeleitet wurde.

Mit dem Auftreten der Ackerbaukultur kam nicht nur die Einrichtung von Äckern, auch die Lebensweise veränderte sich grundlegend. Es entstanden elementare neue Werte wie die Unterscheidung in Gut / Böse und Innen / Außen, sowie neue Grundvorstellungen von Recht und Unrecht, Ideen vom Eigenen und vom Fremden, und schließlich persönlicher Besitz und Eigentum, verbunden mit den dazugehörigen persönlichen Fürwörtern Mein / Dein. Grenzen wurden zum identitätsbildenden Kriterium, und das Abgrenzen wurde für die nächsten paar Jahrtausende zu unserer liebsten Beschäftigung.

Das Erleben und Denken des Ackerbauern ist gekennzeichnet durch Grenzen, innerhalb derer das Gute, das Bekannte, das Rechte vorherrscht, doch außerhalb derer das Wilde, das Fremde, das Bedrohliche und Böse lebt. Im Rahmen dieses Denkens ist das Eigene, das Innere immer identisch mit dem Guten, der Feind ist außen, der Fremde, der Ausländer, das Böse.

Daß der mentale Ackerbauer zuvor alles Böse, Fremde und Unbekannte nach draußen verdrängt hat, muß er vergessen, um die Illusion des eigenen Guten aufrechterhalten zu können. Sogar die Tatsache dieser Ausgrenzung muß verdrängt werden (und schon befinden wir uns in einem Prozeß, den R.D.Laing und G.Bateson als "kollektiven Double-Bind" beschrieben haben).

Die Ackerbaukultur brachte mit der Angst vor dem Verlust des persönlichen Eigentums auch eine geistig-kulturelle Spezialisierung der Abgetrenntheit von der Natur, die erlaubte, eben diese Natur als etwas außerhalb von uns bestehendes zu erleben, sie uns untertan zu machen und bis zum Letzten auszubeuten.

Wir haben diese Abgetrenntheit im Laufe der Jahrtausende verfeinert und kultiviert, bis die höchste Form der ackerbäuerlichen Spezialisierung erreicht war: die Monokultur mit Unkrautvertilgung und Insektengiften. Das Wesen der Monokultur wurzelt in der Idee einer anzustrebenden inneren Reinheit, und gipfelte in einem kollektiven Massenwahn von einer Herrenrasse.

Was wir von der Gartenbaukultur heute lernen können, ist deren Umgang mit "anderen Wirklichkeiten", mit Trance und Ekstase.

Felicitas Goodman hat in jahrzehntelanger linguistischer, ethnologischer, kulturanthropologischer und religionswissenschaftlicher Forschung die wesentlichen Bedingungen und Techniken herausgearbeitet, welche den Umgang der Gartenbauer mit "anderen Wirklichkeiten" kennzeichnen. Die ältesten archäologischen Funde, die diese Methode belegen, reichen bis 40.000 Jahre v.Chr. zurück. Damit ist dies die älteste uns bekannte Form von Trance überhaupt.

Das Ergebnis der Arbeiten von F.Goodman brachte eine für westliche Menschen leicht erlernbare Methode einer Kombination von spezifischen Körperhaltungen, welche das subjektive Erleben bestimmen, und simpler Tranceinduktion durch Rasseln oder Trommeln.

Der Kern dieser Trancetechnik ist (neben seinen phantastischen subjektiven Erlebnissen mit Naturgeistern) in der Wiederbelebung unserer biologischen Fähigkeit zur Ekstase zu sehen. Denn für den Gartenbauer, der (noch) kein Gut und Böse kannte, war das Erleben von "anderen Wirklichkeiten" immer mit einem ekstatischen Lebensgefühl und Verzückung verbunden. Erst mit der Ackerbaukultur entstand der Zwang zur inneren Vorab-Entscheidung, ob diese anderen Wirklichkeiten als "wonniglich" oder als grauenhafter Horrortrip erlebt werden. Denn das individuelle Erleben wurde abhängig vom kulturell-religiösen Kontext uminterpretiert und vor die Wahl zwischen dem Weg der Ekstase ("mystisches Sehen von Gott") oder dem Weg in die Hölle (der "Horrortrip") gestellt.

Die Trance der Gartenbauer als älteste uns bekannte Technik ermöglicht eine von herkömmlichen religiösen Kontexten unabhängige Begegnung mit "anderen Wirklichkeiten" und damit eine Rückbindung an den Ursprung unseres heutigen Bewußtseins.

Im Institut FOCUS in Wien haben wir seit mehreren Jahren gemeinsam mit Prof. Guttmann an der Universität Wien die psychophysiologischen Korrelate diese Trance sowie psychologische Parameter des subjektiven Erlebens ausführlich untersucht. Die tatsächlich außergewöhnlichen physiologischen Veränderungen und psychologischen Daten konnten die Hypothesen und theoretischen Modelle von Felicitas Goodman voll bestätigen.


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