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KLARTRAUM UND WIRKLICHKEIT

Ein Interview mit Brigitte Holzinger

Zu anfangs eine grundsätzliche Frage: Was ist ein Klartraum?

B. Holzinger:

Klarträume oder auch "luzide Träume" sind solche Träume, in denen man weiß, daß man träumt, also über den Traumzustand, in dem man sich gerade befindet, Bescheid weiß. Indem man das weiß, kann man auch den Traum beeinflussen, also entschieden handeln. Darüber hinaus ist die Wahrnehmung in einem solchen Traum intensiver, und Symbole werden verstanden, sobald sie auftauchen.

Es sind also zwei Grundkriterien, die einen luziden Traum bestimmen:

  1. man weiß daß man träumt
  2. man kann entschieden handeln.

Frage: Wie funktioniert die Erinnerung in luziden Träumen?

B. Holzinger: Nach dem Traum kann man sich daran ausgezeichnet erinnern, und während des luziden Traumes kann man sich an den vergangenen Tag sehr gut erinnern. Ebenso kann man sich an das, was man sich für den Traum vorgenommen hat, gut erinnern, und es dann auch ausführen.

Frage: Was kann man in einem luziden Traum alles tun?

B. Holzinger: Grundsätzlich sehr Unterschiedliches, von sportlichen Übungen über Versuche mit Lernen und Kreativität bis zu kognitiven Problemlösungsverhalten. Dennoch kann grundsätzlich eine Übung im luziden Traum, wie etwa das Üben sportlicher Bewegungsabläufe, das Wachtraining nicht ersparen. Der luzide Traum eröffnet einen neuen Trainingsbereich, den man sonst nicht zur Verfügung hat.

Frage: Ist der luzide Traum ein vom Wachen und vom Schlafen klar differenzierbarer Bewußtseinszustand?

B. Holzinger: Ganz sicherlich. Das Schlafen wie das Wachen hat ja jeweils etwa 3-4 unterschiedliche Stufen. Der luzide Traum ist ebenso eine solche unterscheidbare Stufe, die zwischen Schlafen und Wachen liegt, mit eigenen Potentialen und Qualitäten, welche ihn von Wachen und REM-Schlaf deutlich unterscheiden.

Frage: Wo wäre der luzide Traum daher einzugliedern?

B. Holzinger: Der luzide Traum ist bei den dissoziativen Zuständen, wie Hypnose, Autogenes Training, REM-Schlaf ohne Atonie (also ohne die Ausschaltung des Ich-Bewußtseins), einzureihen.

Die Unterscheidbarkeit zeigt sich im wissenschaftlich-physiologisch-meßbaren wie im psychisch-phänomenologischen Erleben.

Die physiologischen Unterschiede betreffen vor allem die Beta 1-Aktivität, also einem Frequenzbereich von 13-16 Hertz, welche im luziden Traum wesentlich höher sind als im REM-Traum. Daraus schließe ich, daß der luzide Traum auch physiologisch eine höhere Aktiviertheit zeigt als eine normale REM-Periode.

Der psychologische Unterschied zwischen luzidem Traum und normalem REM-Traum liegt im Erleben, welches ähnlich wie beim Wachzustand mit hoher Aktiviertheit abläuft und das Ich-Bewußtsein des Träumers keinesfalls beeinträchtigt. Durch diese höhere Aktiviertheit der Gehirnrinde oder sogar des ganzen Gehirns kann die für einen Traum eher ungewöhnliche Fähigkeit des bewußten Handelns und Wahrnehmens auftreten.

Frage: Kann man das luzide Träumen lernen?

B. Holzinger: Jeder kann das erlernen. Manche haben spontan luzide Träume, manche erlernen es, wie man sich an seine Träume erinnern lernen kann, und es sind bereits technische Hilfsmittel entwickelt worden, die luzides Träumen stimulieren können.

Man kann das Traumgeschehen mit verschiedenen Maßnahmen beeinflussen: Auf einen Punkt zu starren, führt zum Aufwachen aus dem Traum. Wenn man den Blick oder die Umgebung bewegt hält, bleibt der Traum bestehen. Erkennt man, daß man gerade einen luziden Traum hat, und droht wegen dieser Erkenntnis aufzuwachen, so kann man den Traumkörper um die eigene Achse rotieren lassen, und man kommt wieder in den luziden Traum zurück.

Frage: Ist der luzide Traum überhaupt eindeutig als Traumwirklichkeit erfaßbar?

B. Holzinger: Kollektiv gibt es, wie auch der Buddhismus meint, keine eindeutige Aussage darüber, ob wir als Menschheit wachen oder träumen. Individuell gibt es allerdings Möglichkeiten zu einem "Reality-Check" im Traum: Wenn man eine Szene immer wieder träumt (z.B. das Auftauchen von Licht), muß man sich auch im Wachzustand bei Auftauchen derselben Szene (Licht) ernsthaft überlegen, ob man träumt oder wach ist. Das wird solange wiederholt, bis man sich diese Frage auch im Traum stellt.

Einfache Unterscheidungen sind: wenn ich im Traum springe, werde ich sanfter landen als im Wachen, oder davonfliegen; oder wenn sich die Buchstaben auf einem Werbeplakat verändern, sobald ich ein zweites Mal hinsehe, dann träume ich. Steht genau dasselbe dort, so kann man sicher sein, daß man sich im Wachzustand befindet.

Frage: Ist der luzide Traum nur eine von vielen mentalen Techniken, oder ist er etwas Besonderes?

B. Holzinger: Der luzide Traum ist etwas Spezifisches, er ist ein neuer und anderer Bewußtseinszustand, anders als alle bisher bekannten und gängigen Bewußtseinzustände und Techniken. Grundsätzlich ist der luzide Traum ja nichts wirklich Neues, doch jetzt kommt er ins Bewußtsein der Öffentlichkeit und wird der Wissenschaft zugänglich - dank der Arbeiten von Stephen LaBerge.

Der grundlegende Unterschied zu allen anderen mentalen Techniken ist, daß der luzide Traum real, echt, dreidimensional ist, während die vielen Mentaltechniken sich zweidimensional, nicht wirklich echt, anfühlen. Die Wirklichkeitsanmutung des luziden Traumes ist dieselbe wie im Wachen oder im Traum.

Frage: Welche inneren Potentiale hat der luzide Traum?

B. Holzinger: Grundsätzlich haben wir in uns eine Menge gelernter Programme, an die wir glauben, ohne es zu wissen. Diese eingeschliffenen, oft neurotischen Programme erscheinen uns meist als irreversibel.

Der luzide Traum ist nun ein Medium, diese Programme zu verändern - also das, was Psychotherapie im besten Fall meint.Wenn das Ziel der Psychotherapie ist, zu einer größtmöglichen Integration der Kräfte einer Person zu kommen, so kann das auch vom luziden Traum gesagt werden - das ist sein Potential, welches natürlich nicht immer in dieser Form benutzt werden muß.

Frage: Im luziden Traum kann ich nach meinem Willen handeln; muß es daher auch eine Ethik des luziden Traumes geben?

B. Holzinger: Die Ethik im luziden Traum ist wie in allen anderen Träumen abhängig von der Situation des Träumers. Dieselbe Ethik, nach der der Träumer lebt, gilt auch im luziden Traum.

Es kann z.B. im Verlauf einer Psychotherapie von Nutzen sein, in der Vorstellung den Vater zu töten. Das kann im luziden Traum auch der Fall sein. Doch im Traum wie in der Therapie ist das Ziel nicht, den Vater wirklich zu töten, sondern Abgespaltenes zu integrieren, um so zu einer größtmöglichen Integration der Kräfte dieser Person zu kommen.

Frage: Die heutige Bewußtseinskultur ist in der Entwicklung neuer Methoden und Instrumente noch in der "entdeckenden Phase"; gilt das auch für den luziden Traum?

B. Holzinger: Natürlich sind wir erst am Anfang dessen, was wir wissen sollen und müssen, z.B. welche physiologischen Zusammenhänge es gibt, oder wie die Verwendung in der Psychotherapie genauer aussieht. Wir haben gerade die Türe geöffnet. Es obliegt jedem selber, ob und wie weit er sich im luziden Traum bewegt, wobei es schon viele gibt, die bereits erfahren sind, und ihre Erkenntnisse mitteilen möchten. Daher ersuche ich auch Leute, die luzide Träume haben, sich an mich zu wenden, zur Bildung eines Netzwerkes, zu Studien und Gruppen.


Artikel aus: FOCUS Newsletter Nr. 1/1992, S. 13-14 (Feb. 1992)