DIE ZEIT: EIN PUNKT, EIN RAUM, EIN ALTER
Kaye Hoffman
Hat jemand je die Zeit gehört, geschmeckt, gesehen, gerochen, ertastet? Die Zeit ist im Kopf, wird gedacht, ist eine Konstruktion. Jedoch wird sie in verschiedenen Arten konstruiert, denn wir unter scheiden zwischen Zeitpunkt, der Zeitlinie (ein in der Umgangssprache unüblicher Ausdruck, der veranschaulichen will, nach welchem Prinzip unsere chronologische Zeitmessung konstruiert ist), dem Zeitraum und dem Zeitalter.
Während in der Magie und z. B. in der Astrologie ein ganz bestimmter Zeitpunkt das Zusammentreffen verschiedener Faktoren und Kräfte bezeichnet und dadurch praktische Bedeutung gewinnt, wird in der kognitiven Verhaltenstherapie mit Zeitlinien gear beitet. Zwischen dem Ausgangspunkt der Problemdiagnose und dem Endpunkt der therapeutischen Behandlung, von der die Bewältigung des Problems erwartet wird, liegt eine Strecke, entlang der sich der lineare Weg des Fortschritts vollzieht - oder auch nicht. Rückfälle, Ausweichmanöver, Flucht nach vorne etc. sind alles Strategien, auch dieser Zeitlinie Verhaltensweisen zu notieren, die ihrer sich ausweitenden Art nach wahrscheinlich räumlich wären und Raum einnähmen, wenn man sie das tun ließe. Da die kognitive Verhaltenstherapie auf kurzzeitig erfolgende Erfolge ausgerichtet ist, ist weder Raum noch Zeit dafür da: mit dem Erfolg, daß Symptome sich oft verlagern, und dort die ihnen zustehende Beachtung in den Kategorien von Raum und Zeit zu erlangen suchen.
Die dem Menschen als lebendigen Organismus vielleicht am natürlichsten erscheinende Konstruktion von Zeit ist vielleicht die von Zeit als Raum, vom Zeitpunkt, denn in der Dreidimensionalität ist die objektive Vermessung verbunden mit dem subjektiven Faktor des Erlebens. Das Zeiterleben gibt die Tiefe in der Optik, gibt das Gefühl von Dauer und Kontinuum, das der Mensch braucht, um die Zeit nicht als Feind, sondern als Freund zu betrachten. Die Zeit als Feind ist jenes unersättliche Monstrum, das Sekunde für Sekunde der Lebenszeit in sich hineinschlingt und nicht wieder ausspuckt. Die Zeit als Freund ist ebenfalls eine Hungergestalt, insofern sie nie zu sättigen ist und immer hungrig bleibt nach Zeit. Aber sie ist ein Wesen, das verdaut und wiederkäut und etwas wiedergibt: es ist nicht Zeit, die uns nur zum Konsum zur Verfügung steht, sondern Zeit, die Anspruch erhebt, die gefüllt werden will. Es ist eine Zeit, die uns ein Gefühl von Sinn gibt - Lebenszeit, die sich erfüllt hat - oder auch nicht.
Wenn wir in einem therapeutischen Kontext mit dem individuellen Zeiterleben eines Menschen arbeiten, sollten wir uns die konventionellen Zeitstrukturen der Kultur, in der wir leben, vor Augen führen.
Der Zeitpunkt:
Wir sprechen von einem Zeitpunkt der Reife, nämlich dann wenn die Zeit gekommen ist. Die Zeit ist aber nicht in ihrem Aspekt der Fülle und der ungeahnten Möglichkeiten gekommen, sondern in Form einer Einengung und Zuspitzung, als ein Punkt, hinter dem eine Notwendigkeit drängt: es ist der Punkt, der die Not wendet. Das Gefühl, das sich meist mit einem solchen Zeitpunkt verbindet, ist also nicht das der Freiheit und des Reichtums, der seine Verwendung offen läßt, sondern das Gefühl, vom Leben oder vom Schicksal an diesen Punkt gebracht worden zu sein und nun mehr oder minder sich gezwungen zu sehen, auf die Herausforderung zu antworten. Die eigene Aktivität wird dabei oft als eingeschränkt erlebt. Es ist mehr ein passives Erlei den, was sich da vollzieht, und die einzige Chance wird oft darin gesehen, das kleinere der Übel zu wählen. Im Zugzwang der sich unbewußten und uneinsehbar abwickelnden Lauf der Ereignisse ist der kritische Zeitpunkt etwa nur das letzte Glied in einer Kette von Punkten, die auf einer unsichtbaren Linie gelegen haben müssen, aber erst rückblickend in ihrem größeren Zusammenhang, das heißt auf einer Linie der Verkettungen, gesehen werden können.
Wie konnte es nur dazukommen? fragen wir uns und versuchen die Linie, die zu dem Punkt führte, in die Vergangenheit hinein zu verfolgen. Dabei kommt ein Punkt jedoch nur zustande als Kreuzung zweier Linien, so daß wir es mindestens zwei solcher Zeitlinien zu tun haben. Das macht den typischen Charakter des Zeitpunkts aus: er wird als etwas erlebt, was von Außen an mich herantritt und mich in eine Dynamik involviert, die sich meinem Einfluß und meinem Willen entzieht. Es gibt Zeit punkte der Reife, der Entscheidung, der Notwende, des Wandels. Es gibt Zeitpunkte, die als Höhe punkte oder als Nullpunkte eingestuft werden im großen Spannungsbogen des Zeiterlebens. Es gibt Zeitpunkte des Neubeginns und Zeitpunkte des Abschieds. Es gibt den kritischen Zeitpunkt, an dem sich entscheidet, wie der Lauf der Ereignisse sich weiterhin gestalten wird.
Die Zeitlinie:
Die Zeitlinie - ein Begriff, der übrigens eine sprachliche Neuschöpfung ist und den von Dilts geprägten englischen Begriff der timeline im NLP wörtlich übersetzt - ist eine zunächste Verbindung, die wir zwischen zwei Zeitpunkten ziehen. In der Verhaltenstherapie etwa ziehen wir eine Linie zwischen dem Zeitpunkt, da ein Problem sichtbar geworden ist und als solches angegangen werden soll. Nun wird ein Ziel angepeilt. Das kann eine kurzfristige Lösung des Problems sein, die wahrscheinlich nur vorläufig funktioniert. Es kann aber auch eine lang fristige Heilung angepeilt werden. Wichtig ist jedoch, konkret zu werden und die guten Vorsätze nicht im leeren Raum stehen zu lassen. Die guten Vorsätze bzw. die einzelnen Schritte des Heilungsprogramms müssen an einer Zeitlinie festgemacht werden, so daß zu jeder Zeit kontrolliert werden kann, ob Fort schritte gemacht wurden und ob die Schritte in die richtige Richtung führten.
"Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Vor sätzen" sagt ein Sprichwort. Die Verhaltenstherapie versucht mit genau dieser Einsicht zu arbeiten: es hilft wenig, sich viel für einen unbestimmten Zeit raum der Zukunft vorzunehmen, wenn die Vergangenheit nicht analysiert, die Fehler als solche erkannt und sogar als mißglückte Heilungsversuche anerkannt wurden, wenn der genaue Standpunkt in der Gegenwart nicht bestimmt wurde als eben eine Kreuzung mehrerer Einflüsse, und wenn somit die Zukunft als offenes Feld, in dem alles möglich ist, fehl eingeschätzt wird. Es hilft wenig, sich extreme Hoffnung auf radikalen Wandel zu machen, denn je mehr der Himmel angepeilt wird, desto mehr besteht die Gefahr, genau im Gegenteil, in der Hölle zu landen, denn darin sich Himmel und Hölle gleich: sie sind Extreme. Und wie wir bei der Behandlung der Zeiträume sehen werden, sind sie im Bewußt sein keine Punkte und auch keine Wege, sondern Räume.
Das Arbeiten mit Zeitlinien hat im Gegensatz zu dem Arbeiten mit Zeiträumen den Vorteil, daß jeder Schritt in der Entwicklung einen Punkt für sich auf der Linie des Weges darstellt und getrennt von allen anderen Punkten ist, wenngleich der große Zusam menhang des angepeilten Ziels die Linie zum Weg macht und die einzelnen Punkte zusammen hält. Diese Trennung der einzelnen Punkte erlaubt eine "vernünftige" Vorgehensweise: nicht zuviel und nicht zuwenig wird verlangt, eben Schritt für Schritt wird vorgegangen und der Anspruch Stück für Stück erfüllt. Die Annäherung an das Ziel geschieht lang sam und kontinuierlich. Aber da liegt auch der Nachteil: eine solche geduldige Annäherung erfor dert eine Geduld und eine Frustrationstoleranz zugleich, die nicht jeder hat. Der Weg der kleinen Fortschritte ist lange nicht so aufregend oder anregend wie der endzeitlichen Sprung in das ganz Andere, in ein neues Land, wie es die Zeit als Raum oder sogar als Ära und Epoche verheißt. Und bei aller Vernunft scheitert eine Therapie, die sich ausschließlich auf die Einsicht verläßt, immer wieder an mangelnder Motivation. Die Einsicht alleine kann den großen Zusammenhang der nicht aufrechter halten, es fehlt an Spannung, an Neugier und Inter esse, die Materie des Lernstoffs erscheint trocken. Die Sehnsucht, in Fluß zu kommen, lenkt ab: und hier ist das Arbeiten mit den Zeiträumen angesagt.
Der Zeitraum:
Der Zeitraum verbindet und integriert die vereinzelten Zeitpunkte. Der Zeitraum vermittelt ein Gefühl von Dauer, und dieses wiederum Ruhe und Frieden: im Zeitraum kann sich die Zeit sammeln wie das Grundwasser, in der Tiefe das in einer Quelle erneut wieder an die Oberfläche tritt. Himmel und Hölle sind Orte, die zur Heimat werden können.
Es sind Zustände, in denen die Zeit nicht mehr trennt sondern verbindet: Endzustände, die wie Gefäße, wie Schalen alle Erfahrungen in sich aufnehmen. Es entsteht ein Gefühl der Integration, der Identität, das an Stelle der Zerrissenheit durch eine linear kausale Zeitfolge tritt. Es entsteht ein Kontinuum, eine Atmosphäre, eine Qualität, die sehr konkret und sehr plastisch erlebt wird als Basis, die trägt und Vertrauen erzeugt. An Stelle des alltäglichen Bewußtsein, das die Zeit als trennend erlebt, tritt ein verändertes, ein nicht-alltägliches Bewußt sein von einer Zeit, die verbindet. Einerseits wird Zeit überhaupt aufgehoben und es wird ein Gefühl der Zeitlo sigkeit vermerkt, andererseits wird der mit anderen Menschen etwas geteilte Zeitraum als Erlebnis tiefer Verbundenheit beschrieben, als habe der gemein same Zeitraum einen Art Überkörper oder Gruppen körper erschaffen, indem die Teilneh mer des Geschehens vereint waren.
Dieses nicht-alltägliche Zeiterleben einer sich verräumlichenden Zeit ist der Raum, in dem Symbole ihre Verbindlichkeit gewinnen und Rituale wirksam werden. Es ist der Raum der Magie, in dem die Wirklichkeit im Augenblick erschaffen wird und wie ein gewebter Teppich sich ausbreitet: wie ein Text entworfen wird. Gruppenzusammenhalt ebenso wie der extreme Fall der Massenpsychose setzt eine solche Textur voraus: der gemeinsame Nenner ist das Dasein in der Zeit, die jedoch nicht Punkt oder Weg sondern Raum ist.
Das Zeitalter:
Im Zeitalter erweitert sich der Zeitraum über eine ganze Ära oder Epoche. Aber es ist nicht unbedingt die Quantität, die Anzahl der Jahre, die einen Zeitraum von einem Zeitalter unterscheiden: heute lösen sich die Epochen so schnell einander ab wie vielleicht noch nie zuvor in der Geschichte.
Trotzdem bleibt dem Zeitalter sein eigentümlicher Charakter einer ahistorischen Zeitlosigkeit erhalten. Auch die Sehnsucht nach dem Aussteigen aus der chronologischen Geschichte ist in modernen Zeiten ebenso groß wie vielleicht damals, als im antiken Rom zum erstenmal folgende Theorie, - mehr Mythos und Wunschdenken als Geschichtsschrei bung - formuliert wurde. Es wurde zwischen dem Goldenen, dem Silbernen, dem Eisernen Zeitalter unterschieden, wobei natürlich das letzte das schlechteste war. Mit dieser Theorie der Zeitalter verband sich die Hoffnung auf die Rückkehr des besten Zeitalters, das dem Niedergang ein Ende machen sollte. Diese endzeitliche Vision eines besseren, eines idealen Zeitalters in der Urgeschichte menschlicher Erinne rung, das in der Zukunft wiederkehren soll, ist eine der großen Sehnsüchte, die sich mit dem Begriff des Zeitalters verbinden. Das letzte endzeitliche Reich, das tausend Jahre währen sollte, aber nur zwölf Jahre dauerte, war das Dritte Reich des Nationalsozialismus.
Da viele Menschen, die heute krisenhaft Lebens-mitte und Alter erleben, noch direkt oder indirekt den kollektiven Wahn des Dritten Reiches miterlebt haben, ist dieses Zeiterleben des Zeitalters durchaus aktuell. Auch haben wir in jüngster Zeit den Niedergang anderer Zeitalter hautnah miterlebt und sind Zeugen eines historischen Wandels geworden, der zumindest das Ende einer Ära festsetzte: so etwa das Ende das Kalten Krieges, das Ende des Sozialismus, das Ende der Sowjetunion. Es läßt sich dabei beobachten, wie sehr das Zeitalter, und sei es noch so erschreckend in seinen Implikationen und Auswir kungen, dem Menschen einen Lebensraum und eine Heimat anbietet. Und es ist nicht wahr, was das Sprichwort sagt: daß nämlich ein Ende mit Schrecken besser sei als ein Schrecken ohne Ende. Gerade die Sehn sucht nach der Unendlichkeit, eben nach der Aufhebung der Zeit und der chronologischen Geschichte, liefert den Ideologien der Imperien den nötigen Zuwachs an Begeisterung, so daß sie sich im kollektiven Unbewußten verankern können.
Wenn wir dieser Sehnsucht nach Zeitlosig keit und der existentiellen Verunsicherung bei der Frustration dieses Wunsches Rechnung tragen, werden wir einem wichtigen Zeiterleben des Menschen nicht gerecht: im Zeitalter fühlt sich der Mensch nicht nur verbunden mit dem zeitlosen Ewigen, das die eigene Sterblichkeit überscheint, sondern auch mit dem Zeitgeist, der die Individuen vereint und erhöht, ihnen das Gefühl gibt, an etwas Höherem und Größerem teilzuhaben. Das individuelle Erleben der verräumlichten Zeit, die als "nacktes Maß" aufgehoben ist, wird noch erweitert um das Erleben, in unmittelbarem Kontakt mit dem kollektiven Unbewußten, mit kollektiven Vorstellungen, Ideen, Visionen zu sein. Teilhaber eines Zeitalters zu sein, erweitert das verengte Ich-Gefühl zu einem Wir-Selbst, das die Geschichte erschafft.
(Aus: "Tanz um die Lebenslinie - die therapeutische Arbeit an einem neuen Zeit- und Altersbewußtsein" von Kaye Hoffman, erscheint Herbst 1994 beim Herder Verlag)
KAYE HOFFMAN, geb. 49, Studium der Philosophie, Ausbildung in Musik und Tanz, Fortbildung in körper-orientierten Psychotherapien, seit 1980 in Deutschland freiberuflich tätig als Gruppenleiterin, Referentin und Autorin. Entwicklung eines eigenen Systems "Tanz und Trance in der Therapie", mit Schwerpunkt auf nicht-alltäglichen Bewußtseinszuständen und ihre Integration in den Alltag. Dazu zahlreiche Publikationen.
Artikel aus: Focus Newsletter Nr. 1/1994, S. 3-5 (Feb. 1994)
