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KRAFTORT GEGENWART

Kaye Hoffman

Dieses Übungsprogramm wurde von mir im Kontext eines Selbstmanagement-Kurses entworfen und mehrfach erprobt. Das Ergebnis war erstaunlich: das, was wir alle mehr oder weniger wissen, wurde ganz hautnah erlebt. Die Begriffe Geistesabwesenheit und Geistesgegenwart weisen darauf hin, daß es verschiedene Zustände des Daseins gibt, wobei das eine Extrem eine auffallende Abwesenheit des Geistes markiert, während das andere Extrem keineswegs selbstverständlich zu sein scheint, sondern ebenfalls einen außerordentlichen und nicht-alltäglichen Zustand darstellt.

Geistesabwesenheit als ein Zustand des Nichtdabeiseins ist ein Zustand, in dem wichtige Anteile des Seelenhaus halts sich verabschiedet haben oder auch nur vorübergehend fehlen. Hier hilft es, systemisch vorzugehen und die Splittergruppen inner seelischer Bedürfnisse, Ängste, Neigungen und Impulse bewußt einzuladen, dabei zu sein. Es ist die Auffor derung, an der Gegenwart teilzunehmen, wobei Gegenwart ein Prozeß ist, der durch Teilnahme gestaltet wird. Bewußtes Herstellen von Kontakt zu den abwesenden Geistern, bewußtes Ansprechen, Einladen, Auffordern - all dies gehört zu der systemischen Vorgehensweise, die nicht nur mit dem System äußerer mitmenschlicher Verbände arbeitet, sondern auch den inneren Verband des Seelenhaushalts berücksichtigt. Metaphern für den Verband können auch sein: Parlament, Orchester, Team oder Familie.

Bei der Geistesgegenwart hingegen wissen wir nicht genau, was für ein Geist es ist, der den entschei denden Unterschied ausmacht. Wir ahnen, daß es eine bestimmte Qualität des Daseins ist, die im Bereich der Impulse, Reflexe, Instinkte angesiedelt ist und auf eine nicht-kausal-lineare Weise zu einer sehr effizienten Koor dination gelangt. Diese ist offenbar nicht durch lange, logische Argumentatio nen und Diskussionen entstanden, sondern hat sich sprunghaft und schnell wie ein Blitz durchgesetzt. Es geschieht dies auch nicht durch Denken in Worten und Sprache, sondern auf der Ebene des Organismus, der optimal auf die Herausforderung einer unübersichtlichen, verwirrenden Situation reagiert.

Eine Möglichkeit, Geistesgegenwart bewußt zu trainieren besteht darin, den Organismus in dieser seiner Fähigkeit anzuerkennen. Das Körper geschehen erhält eine neue Bedeutung: es wird zum Vorbild. Was macht der Organismus, wenn er sich organisiert?

Wir beginnen das Übungsprogramm mit einer Phase des Hineinhorchens. Jetzt ist die Aufmerksamkeit aber nicht viel zu focussiert, um die subtilen Zusammenhänge zu erfassen. Das Denken ist noch zu eng, die Wahrnehmung noch zu vorbestimmt durch das, was für wahr gehalten wird und was nicht. Deshalb wechseln die Phasen des Ruhens mit geschlossenen Augen ab mit Phasen, in denen wir uns durch den Raum bewegen. Der stimmliche Ausdruck kommt dazu: ein Summen oder auch ein Gähnen, Ausseufzen, Räuspern, Hüsteln, schließlich vielleicht ein Tönen und Singen oder auch Brabbeln. Alles ist möglich. Manche möchten laut werden. Auch das kann zugelassen werden. Wichtig ist, immer wieder sich hinzulegen und sich ins Hirn zu schauen: was sehe ich da, wenn ich mir ins Hirn schaue? Manche berichten von einem Flimmern, von weißem Nebel, andere nehmen Störungen als Pfeile oder aggressive Dreiecke wahr. Mancher sieht gar nichts. Oder hört mehr, als daß er sieht. Fühlt. Der Tastsinn bekommt ein Gefühl für Körperlichkeit, was es heißt, hier zu sein. Warum nur ins Hirn schauen? Ich beschränke mich auf diesen Körper teil, der besonders mit Vorurteilen belastet ist und oft als "zu kopfig" entwertet wird. Ich kann diese Reise zum Inhalt meines Kopfes, zum Hirn, dazu benutzen, mir die Inhalte anzuschauen.

So bekomme ich auf nonverbaler und nicht-diskur siver Ebene ein Gefühl für das Innengeschehen. Was ist mit mir los? Nun kommt ein erstes Faden kreuz der Orientierung hinzu: ich halte die Hände an beide Ohren und spüre hinein. Ich fühle die horizontale Achse, die von Ohr zu Ohr führt. Eine leicht schräge Achse führt von Stirn zu Hinterkopf. Ich lege meine Hände darum und mein Kopf liegt darin wie in einer Schale.

Vorne und hinten haben für jeden Menschen ganz bestimmte Bedeutungen, meist liegt die Vergangen heit hinter uns, die Zukunft vor uns. Auch im Hirn ist die Anordnung so, daß im Hinterkopf die evolutionär alten Programme gespeichert sind. Das Stammhirn ist auch Eidechsenhirn genannt worden, weil wir diese Form der Intelligenz mit den Reptilien teilen. Vorne hingegen tragen wir unseren PC, der neue Kombinationen zwischen den gespeicherten Infor mationen herstellt: ein Feuerwerk von Synapsen schaltungen, das wir manchmal richtig miterleben können, wenn der Kopf heiß wird und unter Strom steht. Zwischen Stammhirn und Neocortex ist natür lich noch jede Menge los. Aber darauf wollen wir jetzt nicht eingehen, denn die rudimentäre Orientierung zwischen Alt/Hinten und Neu/Vorne soll genügen, um ein primäres Zeiterleben im Körper festzulegen. Dies geschieht durch Ortung: es gibt den Ort der neuen Kombinationen, den Ort des evolutionären Archivs, den Ort des Ohres, auf dem ich gut höre, den Ort des Ohres, auf dem ich nicht hören will, zum Beispiel. Es sind Orte, die ich aufsuchen kann, um mir ein Bild zu machen, was mit mir los ist.

Mittlerweile ist durch den ständigen Wechsel von Bewegung und Ruhe eine Atmosphäre der Konzen tration und Kontinuität eingetreten. Ich lege noch eine Schicht auf: zu der Bewegung und dem stimmlichen Ausdruck kommt die Aufgabe, ein näselndes "Jjöii" im Körper kreisen zu lassen, wobei alle Höhlen durchgeputzt werden. Das "Jjöii", ein schweizerischer Ausruf des neutralen Erstaunens ist eine wunderbare Lautkombination, die nach unten und dann wieder nach oben führt und so richtig in alle Ecken und Winkel der möglichen Resonanzräume kriecht. Außerdem ist es schön, nicht im resignierten Ochchch unten im Sumpf der Enttäu schung festzusitzen, aber auch nicht in der Distanzierung durch Ekel oben mit dem I wie in Igittitt hängen zu bleiben. Oben und Unten werden verbunden und dadurch entsteht Kreisen. Ich liebe das Jjöii!

Aber damit ist es nicht getan: zum Jjöii als Stimm aufgabe kommt noch ein Tak oder Patsch, das mit einem kurzentschlossenen Schlag von Handfläche oder Fußsohle einen Akzent setzt. Eine Teilnehmerin drückte ihr Erlebnis so aus: "Das Jjöii ist wie ein Energietanz. Mein Körper schlängelt und windet sich mit einer Geschmeidigkeit, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte. Und dann plötzlich, aus dem Nichts, dieses Patsch. Ich komme mir vor wie ein junger Panther, eine verspielte Raubkatze und wohin ich meine Tatze spielerisch setze, da ist eine Maus. Mein Energietanz hat die Maus geschaffen, und mein Schlag kann also nie daneben gehen." Von anderen Teilnehmerinnen, nach dem Rezept solcher instinktsicherer Kreativität befragt, kann sie nur auf eben jenes Körpergeschehen verweisen, das sich im Prozeß organisiert: Eine Ordnung, die nicht da ist, sondern entsteht.

Nun können wir im Übungsprogramm weiter gehen und eine neue Ebene einführen. Matratzen sind ausgelegt worden und werden nun mit Bedeutung besetzt. Die Matratze, das ist das Leben. Ein Ende ist durch die Geburt gekennzeichnet, ein anderes Ende durch den unvermeidlichen Tod. Das Leben spielt sich aber nicht nur auf der Matratze ab. Wir können Positionen außerhalb der Matratze einneh men und so eine Meta-Ebene der objektiven Lebensbeobachtungen erschaffen. Nah-Todes-Erlebnisse berichten von solchen Erfahrungen, in dem der Mensch sein Leben und sich selbst von oben sieht. Auch gibt es Tage, wo man neben sich ist. Oder außer sich. Das ist alles ganz normal und kann durchgespielt werden. Es werden Orte für solche Zustände des Nebensichseins und Außersichseins markiert. Außerdem gibt es einen Club der Auser wählten in der Tee- Ecke, in der die Gruppe zwischen den Übungsphasen zu einem Austausch zusammenkommt.

Die erste Phase geschieht im Liegen: wir liegen auf der Matratze und machen uns mit geschlossenen Augen mit der Tatsache vertraut, daß unser Leben nicht ein offenes Feld ist, sondern gewisse Begrenzungen hat. Es ist nach mehreren Seiten hin begrenzt, wobei die Begrenzung nach hinten und vorne, also in der Vergangenheit und in der Zukunft, durch Geburt und Tod festgelegt ist. Die seitlichen Begrenzungen betreffen die Beschränkungen unseres Bewußtseins. Hier können wir durch Trance in eine terra incognita reisen. Es eröffnet sich eine unbekannte Weite. Für die australischen Ureinwohner mag sie vielleicht nicht so gänzlich unbekannt sein, da jene zwar die chronologische Zeit nicht kennen, dafür aber mit der Ebene der Traumzeit umgehen können.

Und so liegen wir auf der Matratze und richten unser Leben als Land karte ein. Dazu spielt eine Musik, die einfach und übersichtlich aufgebaut ist. Zudem ist sie eingängig und schmeichelt dem Ohr. Ich habe dafür die "Pieces of Africa" vom Kronos Quartett ausgewählt. Das letzte Stück darauf, genannt "Spreading", schien mir besonders geeignet. In typischer Manier südafrikanischer Gottesdienste wiederholt sich eine Kadenz, die öffnet und abschließt. So ist die Sequenz angeordnet in symmetrische Haufen, die sich gefällig abrunden. Das Ende kündigt sich vorher an, so daß man sich darauf einstellen kann. Die Musik wird dreimal gespielt, so daß das Bewußt sein sich daran gewöhnt, in dieser Sequenz den Lebenslauf vor sich zu sehen.

Die nächste Phase wird im Sitzen sein, denn innerhalb der Lebenssequenz werden nun bestimmte Sitzpunkte aufgesucht und so Zeiträume wortwört lich besetzt. Dabei ist es interessant, damit zu experimentieren, welchen Unterschied es macht, etwa mit dem Rücken zum Leben oder dem Leben zuge wandt im Todespunkt zu sitzen oder wie es sich anfühlt, sich seitlich in die Zeitachse hineinzusetzen, so daß sich etwa links die Vergangenheit und rechts die Zukunft befindet. Interessant ist auch, den Neigungen der Seßhaftig keit oder Ansässigkeit bzw. deren Gegenteil nach zuspüren. Welche Orte sind wie besetzt? Und was bräuchte es, um bestimmte Orte anders in der Bewertung zu besetzen? Hier ergibt sich jede Menge Material zu späteren Aufstellungen und Inszenierungen von heilenden Ritualen. Bei der Sitz phase bemerkte ich, daß einige Leute, ohne meine Anweisung zum Stehen und Gehen kamen. Offenbar war der Drang nach flexibler Veränderung des Standortes so wichtig, daß das Sitzen zu sehr fest legte bzw. als Festsitzen erlebt wurde.

In der letzten Phase also kam das Austanzen der Lebenssequenz. Hier wurde der Bewegungsqualität Bedeutung gegeben: wie schlängle ich mich durch? Geh ich im Kreis oder steige ich rückwärts ein? Es gab alle möglichen Varianten, und dem Bewegungs-spielraum ist nur die Grenze der Übungszeit gesetzt: kaum war die Musik zu Ende, folgte wieder eine Phase der Ruhe und des Hineinhorchens.

Es zeigte sich, daß in vielen Fällen der Monitor im Hirn schon ein recht konkretes Bild anbot, sich also die meisten besser ein Bild von sich machen konn ten als vorher. Es war eine Brain Map, eine Seelen landkarte entstanden, bezogen auf eine eigene Lebensge staltung. Es half, diese Landkarte aufzu zeichnen und jede Veränderung, jede Erweiterung zu notieren. Offensichtlich gab es Orte, die eher dunkel und dumpf waren, andere, die leuchteten und das Bewußtsein anlockten. Es gab sogar Orte, die wie schwarze Löcher Energie aufzusaugen schienen. Ganz bildhaft vermittelte sich da der Eindruck von etwas, das wir kognitiv schon begriffen: es gibt Bereiche, in denen Lebensenergie gebunden ist. Diese zu befreien, um sie wieder dem Lebensfluß und gesunden Stoffwechsel zuzuführen, ist ja ein Ziel der Psychotherapie, die Verdrängtes und Unterdrücktes deshalb auflösen will. Zu unserer großen Überraschung jedoch ist Energie nicht nur in der Vergangenheit gebunden, sondern auch in jenen Planwelten der Zukunft und in den Wunschwelten, zu denen grammatikalisch der Konjunktiv führt. Wenn ich in Gedanken immer in der Möglichkeit oder im Planen bin, bleibt für die Gegenwart wenig Energie übrig. Geistesgegenwart entsteht ja vor allem dadurch, daß die emsige Tätig keit des Neocortex Computers ausgeschaltet wird und sich der Organismus ganz auf die Bewältigung der gegenwärtigen Situation konzentriert. Wir kennen dies aus Gefahrensituationen, in denen wir uns ganz gegenwärtig fühlen wie sonst selten. Und diese können sogar als rauschhaft überhöhend, geradezu ekstatisch erfahren werden, so daß manche Menschen immer wieder Extremsituationen und Gefahren aufsuchen, um in den Genuß der Gegenwart zu kommen. Als Person, die solche Strapazen meidet, und als Therapeutin, die elegante Lösungen bevorzugt, habe ich mich gefragt, wie ich ein Übungsprogramm entwerfen kann, das die energetische Wiederbelebung der Gegenwart zum Ergebnis hat. Ich kam auf eine verblüffend einfache Lösung. Ich kombinierte mehrere Komponenten:

  1. den Wechsel von Ein- und Ausatem,
  2. die Bedeutungsgebung von Einatmen = Anziehen, Binden, Verinnerlichen, beschrieben als Assoziationstechnik und Ausatmen = Abstossen, Lösen, Heraussetzen und Ausdrücken, beschrieben als Dissoziationstechnik
  3. einen Bewegungsablauf, der mit den Phasen von Ein- und Ausatem kombiniert und in einer Drehung des Kopfes besteht.
  4. Diese Drehung des Kopfes kann zu den zwei Seiten und nach oben bzw. unten geschehen. Die Drehung geschieht mit einem langen und bewußten Einatem, bei dem man sich einem Bereich zuwendet, in dem möglicherweise Energie gebunden ist. Das Zurückdrehen in die Frontalstellung geschieht mit einem langen und bewußtem Ausatmen, bei dem die eingeatmete Energie in die Gegenwart gebracht und wieder losgelassen, also in Fluß, gebracht wird.
  5. dem Drehen nach links, rechts und nach oben bzw. unten wird eine Bedeutung zugemessen als Hinwendung zu Vergangenheit, Zukunft und Traumwelten, die sich entweder in der Ferne oben oder im Bereich des eigenen Nabels unten befinden.
    (das Einatmen hat eine einsaugende Wirkung, die aus den Welten bestimmte Eindrücke, Erinnerungen, Gedanken, Gefühle, Vorstellungen herauslöst, an sich bindet und weitertransportiert.)
  6. das Ausatmen stößt die herausgelösten Elemente aus und bringt die Energie auf den Punkt, nämlich in die frontale Bahnung vor mir.
  7. die Energie erfüllt den ganzen Körper, obwohl sie losgelassen wird. Die Atmung wird verstärkt, der Austausch zwischen Innen und Aussen angeregt, alles kommt ins Fließen.

Es hat ja keinen Sinn, auf der Lebensenergie sitzen zubleiben: erst im Fließen, im flow-Erlebnis erfahren wir glückbringende Befriedigung, denn erst, wenn wir im Fluß sind, erfahren wir, daß wir Energie haben, bzw. daß uns Energie zur Verfügung steht. Diese Einsicht vermittelte übrigens vielen Teilneh mern ein Aha-Erlebnis. Durch die Frontalstellung (zunächst nur des Kopfes, später im Stehen, des ganzen Körpers) wird signalisiert: Ich stelle mich der Gegenwart. Hier bin ich! Ich bin ganz da. Ich bin ganz dick dabei. Zurück auf die Lebensmatte versetzt begannen die Teilnehmer also mit einem Prozeß, durch den sie Energie aus den statischen Bindungsfeldern sich zurückholten in den Fluß der Gegenwart. Die Atmosphäre im Raum lud sich deut lich auf, das allgemeine Energie-Niveau stieg, eine lustvolle, lustige Stimmung entstand, Freude siegte über Schmerz. Es wurde allen klar, daß die Gegen wart der Kraftort ist, an dem sowohl Kraft geschöpft wie auch Veränderungen in den Programmen des Krafteinsatzes vorgenommen werden können.

Von dem Standort Gegenwart aus allein können wir jene Bewußtseinsreisen unterneh men, die die Erweiterung unseres Zeiterlebens bewirken. Weder nostalgische Rückwendung zur Vergangenheit noch innovatives Vordenken in die Zukunft hinein und auch nicht schwärmerisch visio näres Schweifen in den Höhen potentiellen Reich tums können das leisten, was eine Kräftigung durch Vergegenwärti gung auszumachen vermag. Verglichen mit dem Kraftort Gegenwart sind Vergangen heit, Zukunft und Wunschwelt nur Nebenkammern unseres Daseins, in dem es geht, bewußt und ganz da zu sein.


Artikel aus: FOCUS Newsletter Nr. 4/1994, S. 7+20 (Dez. 1994)