ÄTIOLOGIE-UNABHÄNGIGE DIMENSIONEN VERÄNDERTER BEWUSSTSEINSZUSTÄNDE, TEIL 2
Prof. Dr. Adolf Dittrich
Der vorliegende Text ist Teil des Referates von Prof. Dr. A. Dittrich bei der Tagung "Mind Machines" des G. Duttweiler Institutes in Zürich am 20.9.1991. Wir danken für die freundlichen Genehmigungen zur Verwendung.
2. ANGSTVOLLE ICHAUFLÖSUNG (AIA):
Aus der Sicht des Alltagsbewußtseins steht im scheinbaren Gegensatz zur "Ozeanischen Selbst-entgrenzung" der zweite Aspekt des gemeinsamen Kerns außergewöhnlicher Bewußtseinszustände, welcher als "Angstvolle Ichauflösung (AIA)" bezeichnet wird. Die Aussagen, welche zu dieser Dimension gehören, sind folgende:
- 9: Es fiel mir schwer, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.
- 32: Mein Denken wurde ständig von Nebengedanken unterbrochen.
- 40: Meine eigenen Gefühle kamen mir fremd, als nicht zu mir selbst gehörend vor.
- 44: Ich fühlte mich gequält, ohne genau zu wissen warum.
- 55: Ich fühlte mich wie ein Automat.
- 56: Meine Umgebung kam mir eigenartig fremd vor.
- 64: Ich fühlte mich bedroht, ohne daß mir klar wurde, wovon.
- 66: Ich hatte das Gefühl, ich hätte keinen eigenen Willen mehr.
- 71: Ich hatte Angst, ohne genau sagen zu können, weshalb.
- 83: Ich kam mir vor wie eine Marionette.
- 91: Alles um mich herum ging so schnell, daß ich nicht mehr richtig mitbekam, was eigentlich passierte.
- 105: Ich verharrte längere Zeit wie erstarrt in einer ganz unnatürlichen Haltung.
- 107: Ich hatte Mühe, auch nur die kleinste Entschei dung zu treffen.
- 110: Ich fühlte mich wie gelähmt.
- 131: Die Dinge um mich herum erschienen mir ver zerrt.
- 133: Die Zeit verging langsamer als sonst.
- 136: Ich konnte nichts richtig zu Ende denken, meine Gedanken rissen immer wieder ab.
- 141: Ich fühlte mich isoliert von allem und jedem.
- 148: Es schien mir, als hätte ich keine Gefühle mehr.
- 156: Es kam mir vor, als sei zwischen mir und meiner Umwelt eine unsichtbare Wand.
- 157: Ich beobachtete mich selbst wie einen fremden Menschen.
- 158: Ich hatte das Gefühl einer völligen Leere im Kopf.
Dieser Aspekt von ABZ beschreibt einen sehr unangenehmen Zustand, welcher von Halluzinogenkonsumenten oft als "bad trip" bezeichnet wird. Im Gegensatz zu einer positiv empfundenen Verschmelzung des Ichs mit der Umwelt oder einem absoluten Urgrund, wie in der Dimension OSE, kommt es jetzt zu einer radikalen Trennung dieser beiden Pole, wie sich in Item 141 und 156 zeigt. Darüber hinaus ist die Einheit der Person zersplittert, indem die Verfügbarkeit über normale Ich-Funktionen nicht mehr gegeben ist. Das Denken ist verändert (Item 9), Gedankengänge werden von Nebengedanken unterbrochen und reissen immer wieder ab (Item 32 und 136). Das Gefühl der willentlichen Selbstbestimmung ist verlorengegangen, es fällt schwer, auch nur die kleinsten Entscheidungen zu treffen, man fühlt sich wie gelähmt, wie eine Marionette oder wie ein Automat (Item 158, 66, 107, 110, 85 und 55). Statt einer Transzendenz der Zeit erlebt man in diesem Kontext die Zeit als quälend langsamer als sonst (Item 133). Die Aussagen 44, 64 und 71 spiegeln besonders die Angst in der provozierten Grenzsituation wider.
3. VISIONÄRE UMSTRUKTURIERUNG (VUS)
Der dritte Aspekt von ABZ, die "Visionäre Umstrukturierung" (VUS) beschreibt Visionen bzw. visuell-halluzinatorische Erlebnisse. Die diesem Aspekt entsprechenden Aussagen sind in untenstehender Tabelle zusammengestellt:
Bei extremer Ausprägung beinhaltet dieser Teilaspekt vier zusammengehörende Phänomenbereiche hinweisen, hierher. Die Aussagen, die auf optisch-halluzinatorische Phänomene hinweisen, hierher. Die Aussagen 29 und 70 beschreiben solche elementaren, amorphen optischen Phänomene. Bereits strukturierte optisch-halluzinatorische Erscheinungen zeigen sich in Aussage 100.
Aus solchen geometrischen Mustern können sich szenische optisch-hallzinatorische Phänomene entwickeln, wie sie in Aussage 33 angesprochen werden. Der Inhalt dieser Art "Visionärer Umstrukturierung" ist sicherlich durch individual-psychologische und kulturelle Faktoren geprägt. So schreibt z. B. BENZ über die Visionen christlicher Mystiker:
"Die Visionen spiegeln in einer auffälligen Weise den Stil des Zeitgeistes, verwendeten die Engel der himmlischen Heerscharen nicht mehr Schwerter und Lanzen, sondern Schiessgewehre."
Hierzu kommen Synästhesien, wie sie Aussage 134 und 138 zeigen. Als dritten Aspekt umfaßt diese Skala ein verändertes Bedeutungserleben (Aussage 42, 51 und 128). Die Aussagen 14 und 119 weisen schließlich darauf hin, daß optisch-halluzinatorische Phänomene einschließlich Synästhesien und einem veränderten Bedeutungserleben eingebettet sind in eine generelle interne Reizerhöhung ("increased internal input", "Aktivierung der Vorstellungstätigkeit, sodaß sie Wahrnehmungscharakter erhält"), was informationstheoretischen Hypothesen über die Entstehung von halluzinatorischen Phänomenen entspricht.
- 14: Es stürmten gleichzeitig so viele Gedanken und Gefühle auf mich ein, daß ich verwirrt war.
- 29: Ich habe bei völliger Dunkelheit oder mit geschlossenen Augen Helligkeit oder Licht blitze gesehen.
- 33: Ich sah in völliger Dunkelheit oder mit geschlossenen Augen ganze Szenen wie einen Film ablaufen.
- 42: Gegenstände in meiner Umgebung spra
- chen mich gefühlsmäßig viel stärker an als gewöhnlich.
- 43: Die Dinge um mich herum erschienen mir grö ßer als gewöhnlich.
- 51: Dinge in meiner Umgebung hatten für mich eine neue, fremdartige Bedeutung.
- 70: Ich sah in völliger Dunkelheit oder mit geschlossenen Augen Farben vor mit.
- 80: Ich sah Dinge, von denen ich wußte, daß sie nicht wirklich waren.
- 100: Ich sah bei völliger Dunkelheit oder mit geschlossenen Augen regelmäßige Muster.
- 119: Mir fiel etwas ein, von dem ich nicht wußte, ob ich es geträumt oder tatsächlich erlebt hatte.
- 120: Ich sah eigentümliche Dinge, von denen ich jetzt weiß, daß sie nicht wirklich waren.
- 128: Dinge des Alltags bekamen für mich eine besondere Bedeutung.
- 134: Töne schienen das, was ich sah, zu beeinflussen.
- 138: Die Farben von dem, was ich sah, wurden durch Töne oder Geräusche verändert.
4. SCHLUSSFOLGERUNG
In Anlehnung an A. HUXLEY könnte man also so formulieren, daß die drei entstehungsunabhängigen Teilaspekte des gemeinsamen Kerns von ABZ dem "Himmel", der "Hölle" und den "Visionen" entsprechen. Dabei sind - wie schon erwähnt - die genannten drei Teilaspekte des gemeinsamen Kerns von ABZ nicht unabhängig voneinander, d. h. selbst die "Ozeanische Selbstentgrenzung" und die "Angstvolle Ichauflösung" sind positiv miteinander korreliert. Während eines ABZ werden in der Regel sowohl wenigstens Spuren des "Himmels", als auch der "Hölle" erlebt. Ein solcher Zusammenhang ist in den Religionswissenschaften seit langem bekannt. So schreibt R. OTTO, daß das Numinose, das in ausgeprägten ABZ wohl erlebt werden kann, gleichzeitig "tremendum et fascinans" sei. Die Untersuchungen von A. DITTRICH stimmen in bemerkenswerter Weise mit den anfangs zitierten kasuistischen Mitteilungen, Literaturübersichten und Beobachtungen sowohl in westlichen, wie auch in indigenen Kulturen überein. In Tab. 6 wird versucht, eine Integration verschiedener methodischer Ansätze über das Invariante von ABZ zu liefern.
Die von A.M. LUDWIG theoretisch postulierten Kategorien wurden von Experten den Dimensionen "OSE", "AIA" und "VUS" zugeordnet. Es zeigen sich beträchtliche Übereinstimmungen. Es existieren auch kaum Diskrepanzen zwischen den aufgeführten kontrollierten Untersuchungen und den Ergebnissen klinischer Beobachtungen ethnologischer Forschungen über schamanistische Praktiken lassen sich ebenfalls in das obige Schema einordnen, wobei allerdings spezielle Aspekte von ABZ vernachlässigt werden.
In den dargestellten kontrollierten Untersuchungen wurde der ätiologie-unabhängige gemeinsame Kern von ABZ hervorgehoben. Nun haben aber die in Abschnitt 2 dargestellten Bedingungen zur Auflösung von ABZ zweifellos auch spezifische Effekte, die sich nicht nur in physiologischen und biochemischen Bereichen zeigen. So gehen die Halluzinogene II. Ordnung definitionsgemäß mit einer Bewußtseinstrübung einher und sind damit im Vergleich zu den Halluzinogenen I. Ordnung durch eine spezifische Dimension zu charakterisieren. Hypnagoge Phänomene und verwandte Erscheinung, die mit einer Herabsetzung der Vigilanz einhergehen, wären ebenfalls auf diese postulierten, relativ ätiologie-spezifischen Dimension "Verminderte Vigilanz" bzw. "Bewußtseinstrübung" zu lokalisieren. Als weiterer spezifischer Aspekt könnte für Bedingungen, die durch Reizentzug i.w.S. gekennzeichnet sind, eine Dimension "Akustisch-halluzinatorische Umstrukturierung" postuliert werden. Experimentelle Untersuchungen über diese spezifischen Dimensionen sowie über die Faktoren, welche die interindividuell verschiedenen quantitativen Ausprägungen der drei genannten allgemeinen Dimensionen OSE, AIA und VUS bedingen, sind die Gange.
Eine ausführliche Version dieses Vortrags wurde erstmals veröffentlicht in : A. RESCH: Veränderte Bewußtseinszustände, Träume, Trance, Ekstase, Innsbruck 1985
Detaillierte Angaben auch bezüglich Literaturfinden sich in:
A. DITTRICH: Ätiologie - unabhängige Strukturen veränderter Wachbewußtseinszustände. Ergebnisse empirischer Untersuchungen über Halluzinogene I. und II. Ordnung, sensorische Deprivation, hypnagoge Zustände, hypnotisch Verfahren sowie Reizüberflutung. Stuttgart: Enke 1985
*) Ätiologie: Lehre von den Ursachen
ätiologie-unabhängig: eine Betrachtungsweise, welche die spezifischen Ursachen nicht einbezieht bzw. diejenigen Dimensionen untersucht, welche unabhängig von spezifischen Verursachungen betrachtet werden können.
Artikel aus: FOCUS Newsletter Nr. 2/1993, S. 8-10 (Mai 1993)
