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ÄTIOLOGIE-UNABHÄNGIGE DIMENSIONEN VERÄNDERTER BEWUSSTSEINSZUSTÄNDE, TEIL 1

Prof. Dr. Adolf Dittrich

Der vorliegende Text ist Teil des Referates von Prof. Dr. A. Dittrich bei der Tagung "Mind Machines" des G. Duttweiler Institutes in Zürich am 20.9.1991. Wir danken für die freundlichen Genehmigungen zur Verwendung.


In der Literatur findet sich eine Fülle von Belegen dafür, daß außergewöhnliche Bewußtseinszustände (ABZ) unabhängig von der Art ihrer Auslösung durch die dargestellten Bedingungen einen invarianten Kern haben. Erste Hinweise zeigen sich bereits im Sutra I des vierten Buches von PATANJALI (Datierung zwischen dem 2. Jahrhundert vor und 4. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung). Er schreibt, daß ein vergleichbarer Bewußtseinszustand sowohl durch (medizinische) Pflanzen, Mantra-Meditation oder asketische Übungen wie Fasten erreichbar ist.

A. DITTRICH hat unter wissenschaftstheoretischen Auffassungen, die dem "kritischen Rationalismus" nahestehen, ein empirisch überprüfbares Hypothesengefüge formuliert, das auf einem multidimensionalen Ansatz basiert. Dies impliziert, daß allen ABZ ätiologie-unabhängig gewisse Grunddimensionen gemeinsam sind - neben anderen eher ätiologie-spezifischen. Dabei wird postuliert, daß ABZ einen fließenden Übergang zum "normalen Wachbewußtseinszustand" haben. Die Unterschiede zwischen verschiedenen ABZ und dem normalen Wachbewußtsein sind nach dieser Konzeption also quantitativer und nicht qualitativer Art.

Das Hypothesengefüge wurde experimentell an insgesamt mehr als 500 gesunden freiwilligen Probanden überprüft. Zur Auslösung der ABZ dienten Halluzinogene 1.Ordnung (N,N-Dimethyltryptamin, Psilocybin und Delta9-THC), ein Halluzinogen 2.Ordnung (Stickoxydul), verschiedene Arten herabgesetzter Umweltstimulationen (sensorische Deprivation, hypnagoge Zustände, Hypnose und autogenes Training) sowie Reizüberflutung durch erhöhte Stimulusvariabilität. Die Experimente erfolgten überwiegend unter Verwendung von Kontrollgruppen mit Vorher-Nachher-Messung. Zur Erfassung der ABZ diente der zu diesem Zweck speziell konstruierte Fragebogen APZ, in dem die Probanden retrospektiv ihr Erleben beschreiben.

Die vielschichtige statistische Auswertung mit multivarianten Verfahren ergab, daß die Hypothese des gemeinsamen Kerns von ABZ sich bewährt. Die externe Validität der experimentellen Ergebnisse wurde im Feld durch die "Internationale Studie über veränderte Wachbewußtseinszustände" außerhalb des psychologischen Labors überprüft. Die Untersuchung wurde in der deutschsprachigen Schweiz, der Bundesrepublik Deutschland, in Norditalien und im Tessin, in den USA, in Portugal und in Großbritannien durchgeführt. Insgesamt 1133 Probanden beschrieben ihren zuletzt erlebten ABZ mittels des erwähnten Fragebogens APZ. Als auslösende Bedingung nannten die Probanden dieser Studie vor allem Marihuana, Haschisch, LSD und verschiedene Meditationsverfahren. Die Auswertung zeigte, daß die Resultate der "Internationalen Studie über veränderte Wachbewußtseinszustände" in allen untersuchten Ländern zufriedenstellend mit den Ergebnissen der oben dargestellten Experimente übereinstimmen.

Aufgrund dieser bisher umfangreichsten systematischen Untersuchungen über ABZ ergibt sich, daß "Ozeanische Selbstentgrenzung" ("oceanic boundlessness"), "Angstvolle Ichauflösung" ("dread of ego dissolution") und "Visionäre Umstrukturierung" ("visionary restructuralization") Grunddimensionen von ABZ sind. Diese drei Dimensionen bilden zusammengehörige Aspekte einer übergeordneten Dimension "Außergewöhnlicher Bewußtseinszustand" ("non-ordinary state of consciousness"). Diese erlaubt (wie auch die drei untergeordneten Dimensionen) eine ausreichend reliable Erfassung des gemeinsamen Kerns von ABZ und ist inhaltlich folgendermaßen charakterisiert:

"Außergewöhnliche Bewußtseinszustände":

Der gemeinsame Kern außergewöhnlicher Bewußtseinszustände, d.h. die übergeordnete Dimension, welche vom normalen Wachbewußtsein über alle Zwischenstufen bis zu demjenigen reicht, was extremen ABZ ätiologie-unabhängig gemeinsam ist, läßt sich folgendermaßen charakterisieren:

Es kommt zu einer primärprozeßartigen Veränderung des Denkens mit subjektiven Konzentrationsstörungen oder dem Gefühl, klarer und schneller als sonst zu denken. Die Zeit kann langsamer oder schneller als sonst vergehen. Es tritt ein Gefühl der Zeitlosigkeit ein, einer punktuellen Gegenwart von Vergangenheit und Zukunft. Es kommt zu einer Selbstverfremdung, einem Gefühl des Verlustes der Selbstkontrolle, welches mit intensiven positiven und negativen Emotionen einhergeht. Die Stimmung fluktuiert stark und ist durch Ambivalenz gekennzeichnet. Das Körperschema ist verändert, einschließlich subjektiver Levitationsphänomene und Gefühlen der Körperlosigkeit. Es kommt zu einer Auflösung der Subjekt-Objekt-Schranke und damit zu einer Einswerdung des Ichs mit der Umwelt. Weitere Veränderungen der Wahrnehmung im Sinne von halluzinatorischen Phänomenen treten fast ausschließlich im optischen Bereich auf. Schließlich umfaßt der Extrempol von ABZ ein verändertes Überleben der Bedeutung von Gegenständen der Umgebung. Sie erscheinen fremdartig, gefühls- und bedeutungsträchtiger als sonst, was mit überwältigenden "Aha"-und Evidenzerlebnissen einhergehen kann.

1. OZEANISCHE SELBSTENTGRENZUNG (OSE):

Der erste Teilaspekt dieser Gesamtskala "Ozeanische Selbstentgrenzung (OSE)" wird durch die folgenden Aussagen operationalisiert:

Item Nr.

Der Teilaspekt von ABZ "Ozeanische Selbstentgrenzung (OSE)" weist bei extremer Ausprägung auf etwas hin, was in einem relativ gut definierten religionswissenschaftlichen Sinne zumindest als Keim von "mystischen Erfahrungen" bezeichnet werden könnte. Die Bezeichnung "Ozeanische Selbstentgrenzung (OSE)" lehnt sich an den Begriff des "ozeanischen Gefühls" an, der in der Psychoanalyse fast zu einem "terminus technicus" für "unio mystica", "Ekstase" und dem "kosmisch mystischen Erleben" geworden ist. Hinweise auf ein derartiges Erleben finden sich z.B. in der Aussage 13. Hier sowie in der Aussage 129 deutet sich ein Einswerden mit der Umgebung an. Eine "mystisch" erlebte Einheit der Realität jenseits aller Widersprüche zeigt die Aussage 34. Auf die Transzendenz der Zeit verweist Aussage 127. Eine tiefempfundene positive Stimmung spiegelt sich in Aussage 84 wieder.

*) Ätiologie: Lehre von den Ursachen

ätiologie-unabhängig: eine Betrachtungsweise, welche die spezifischen Ursachen nicht einbezieht bzw. diejenigen Dimensionen untersucht, welche unabhängig von spezifischen Verursa chungen betrachtet werden können.


Artikel aus: FOCUS Newsletter Nr. 1/1993, S. 9-10 (Feb. 1993)