MIND MANAGEMENT - QUO VADIS
Dr. Gerhard Batik
Die westliche Gesellschaftskultur ist in Bewegung geraten - der Osten aufgebrochen, die Zukunft unberechenbar geworden. Das konservative Wirtschafts(Wissenschafts)denken verliert zunehmend an Aussagekraft. Visionen werden gefordert, die pragmatische, hierarchische, dogmatische, in Normen festgefügte Denkmuster ablösen sollen. Nicht Formalismus, sondern Kreativität und Intuition wird von zukunftsorientierten Marktforschern gefordert; doch diese Leistungen sind nicht per Knopfdruck zu bringen.
Es ist daher nicht verwunderlich, daß alternativdenkende Mind-Manager sich nachdrücklich zu Wort melden. Eine Marktnische hat sich aufgetan - und die will erobert werden.
Die Angebote sind vielfältig; oft kurios und abgehoben - ohne fundierten Hintergrund. Es gibt aber auch Ideen, die zukunftsträchtig erscheinen, auch wenn sie noch nicht ausgereift sind.
Allen Angeboten liegt, untersucht man sie genauer, eine Überzeugung zugrunde: Kreativität und Intuition sind keine Inhalte des NORMALEN Bewußt seins. Dem kausal attribuierenden Alltagsbewußt sein, welches einem formallogischen Denken unter worfen ist, fehlen diese Leistungen. Andere Bewußtseinsebenen müssen daher erschlossen werden. Aber WIE?
Unterlagen hierfür gibt es reichlich. Sie waren immer schon vorhanden und lassen sich auf uralte mündli che oder gegenständliche Überlieferungen zurück führen (Schamanismus, Magie, Mystik). Die unter dem Sammelbegriff Esoterik gehandelten Aussagen werden nunmehr von engagierten Meta-Ökonomen eifrig durchforstet, in futuristische Form gebracht und in Seminaren angeboten. So unterschiedlich diese Angebote auch strukturiert sein mögen, in einer Hinsicht lassen sich alle auf einen gemeinsamen Nenner bringen: "Sie können vom ICH-Denken nicht lösen". Sosehr die New-Mind-Designer auch das ICH variieren, es will einfach nicht gelingen von ihm loszukommen. Warum eigentlich? Gibt es keine alternative Schlußfolgerung? Ist unser Denken nicht in der Lage, das Phänomen Bewußtsein in seiner grenzenlosen Bedeutung zu erfassen?
Diese kritische Betrachtung wird sich daher mit dem ICH-Problem auseinandersetzen und beispielhaft aufzuzeigen versuchen, wo der schwache Punkt autopoietisch und emergenzgebundenen Denkens den Wald vor lauter Bäumen nicht erkennt.
G. Gerken (G.: Mind Design) und R. Kapellner (K.: Meta-Mind) haben zwei bemerkenswerte Modelle vorgestellt, die nun kurz diskutiert werden sollen. Beiden Autoren wird in diesem Artikel unterstellt, sich ausführlich mit Trendforschung, alternativem Gedankengut und Esoterik auseinandergesetzt zu haben.
Um es nochmals zu betonen: Es geht nicht um Kritik an sich, sondern einzig und allein darum, eine grundlegende Theorie für Bewußtseinserweiterung anzubieten, deren Hintergrund sich nicht im diffusen Nebel von abstrakten Begriffen verliert, sondern sich klar, deutlich und nachvollziehbar anbietet, auch wenn paradoxe Formulierungen kaum zu vermeiden sein werden.
Zuerst wäre daher der Begriff Bewußtsein zu definieren. Nur wenn dies zufriedenstellend gelingt, läßt sich auch ein ICH erklären und konkret zuordnen. Ob aber das ICH dann noch immer als ICH bezeichnet werden kann, wenn man einen erweiter ten Bewußtseinszustand anstrebt, der Kreativität und Intuition erschließt, wäre ein weiterer erklärungsbe dürftiger Aspekt.
Vorerst eine kurze Sachverhaltsdarstellung, die eine erste Diskussion der Thematik ermöglicht:
DAS DILEMMA
"Es ist nicht, was es ist, und es ist, was es nicht ist" (J. P. Satre) - treffender könnte Bewußtsein wohl nicht interpretiert werden.
Das Problem: Indem wir den Begriff Bewußtsein operational handhaben (z.B. Medizin), ihm also gleichsam dem Raum- Zeitaspekt (dem meßbaren ICH) zuordnen, nehmen wir ihm das Phänomenale. Die Formel Bewußtsein = ICH stellt aber einen Irrtum dar, den die Wissenschaft nicht begehen dürfte. Denn sie weiß es längst besser, wenn sie feststellt:
"Gemessener Wert = wahrer Wert + Fehler".
Das ICH könnte man daher auch wie folgt definie ren: "ICH = "Bewußtsein" + Fehler".
Zu hinterfragen ist daher: Wie groß ist der Fehler, welchen Wahrscheinlichkeitswert hat das ICH? Hat das aber überhaupt einen Sinn, etwas zu hinterfra gen, was man ohnehin nicht messen (den Fehler) kann.
Es hat Sinn - wir wollen es daher versuchen:
Will man dem Begriff Bewußtsein Dingcharakter (ICH) verleihen, scheitert dies an der Unmöglichkeit Bewußtsein an sich eine Position zuzuordnen, aus der es beobachtet werden könnte. Zur Klarstellung: EEG und DC-Potentiale sind lediglich Korrelate von bioelektrischen Vorgängen, die teilweise durch Ionenbewegungen (meßbar mittels CNV) hervorge rufen werden. Davon kann nicht abgeleitet werden, daß das Hirn Sitz des Bewußtseins ist. Somit läßt sich festhalten: Bewußtsein kann sich bewußt nicht bewußt machen - es ist nicht lokalisierbar. Niemand kann daher von sich behaupten: "Ich bin mein Medium" - und doch wird es immer wieder versucht: G. drückt dies so aus: "Erleuchtung (Bewußt-SEIN; pA) ist also ein selbstinitiierter Prozeß aus der Basis unserer persönlichen Erfindung von Erleuchtung". Das ICH erfindet die Erleuchtung! Hinterfrägt man diesen Satz, so formuliert sich dies so: Das ICH-Bewußtsein bewußtet sich bewußt, indem ICH-bewußtes Bewußtsein Bewußt-SEIN erfindet. Was ist damit gewonnen? NICHTS! Der Satz hebt sich in seiner Aussage auf. Übrig bleibt ICH-Bewußtsein, welches in der Illusion schwelgt BEWUSST ZU SEIN. Diesen Formalismus nennt der Psychologe objektive Selbstbeobachtung. Bewußtsein wird hier lediglich (und neuerlich) operationalisiert, um es (noch besser) handhabbar zu machen. Aber könnte das ICH nicht eine Illusion sein, welche sich nur durch sich selbst beweist, wie es jeder Formalismus tut, und deshalb auch postuliert: ICH bin Bewußt-SEIN. Wo aber liegt hier der Trugschluß? Bewußt sein IST, es kann nicht erfunden und auch nicht konstruiert werden - und zwar in keiner FORM! Wäre dem nicht so, so würde das ja bedeuten, daß die Erfindung sich selbst erfindet - dies ist aber Illusion - oder Selbstbetrug!
BEWUSSTSEIN HINTERFRÄGT SICH NICHT: Es IST. Man könnte es auch so formulieren: Alles, was sich hinterfrägt (die Fähigkeit zum Hinterfragen hat) müßte schließlich zu der Erkenntnis gelangen, daß es Illusion ist.
Doch zurück zu unserer Fragestellung!
G. versucht also aus einer ICH-Position Bewußt-SEIN zu hinterfragen. Damit zwingt er sich zu sagen: "Ohne einem ICH wird es nicht gehen". Jedoch: Die Annahme G's, daß außerhalb der ICH-Bewußtseins grenzen "ebenfalls" Bewußtsein sein muß - und zwar ein holistisches - IST zwingend! Das widerstrebt aber dem ICHbewußten G. Daher läßt G. das (sein) ICH holistisches Bewußtsein erfinden (Descartes und Kant hatten ja ähnliche Überlegungen). Gleich zeitig aber - denn irgendwie muß es ja gehen - zerstört G. das ICH (nicht seines, sondern ein anderes) um es als Agenten (fraktale ICHE) ausschwärmen lassen zu können. Was aber bringt dieser Zaubertrick?
DAS CHAOTISCHE CHAOS
welches die Tendenz hat, in Verwirrung unterzuge hen (das ICH wurde ja zerstört - und nicht von ihm LOSGELASSEN). Diese ersatzlose Ichzerstörung (die Zentrale ist tot) muß aber ein Zustand sein, der im Menschen Verwirrung, Haltlosigkeit, ruhelose Heiterkeit, Irrsinn, Offenheit ohne Richtung oder totalen Rückzug (Deprivation) auslöst. Das ICH ist ein Trümmerhaufen, die fraktalen ICHE umherir rende lokale instabile Elemente im holistischen Bewußtsein - irrational und völlig desorientiert. Diese ICHE sind nicht der Flug des Pfeils (die ZEN-Kunst des Bogenschießens) geworden, sondern der flie gende Pfeil (das ICH) wurde in viele Teile zerbro chen, die nun haltlos durch die Geographie (Bewußtsein) trümmern. Statt einem starken objekti ven ICH gibt es nun viele schwache ICHE (die noch immer begrenzt - also lokal sind) ohne Kommunikationszentrum und ohne Chance je wieder zusammenzufinden.
Tatsächlich aber hat G. die Position des mächtigen ICH gar nicht verlassen (er will ja nicht Irrsinn produzieren). G. hat die ICH-Erleuchtung ja lediglich erfunden und nur "beispielhaft" fraktale ICHE erzeugt (er sagt ja, ohne ICH wird es nicht gehen). G's Idee basiert auf der Vorstellung eines sozusagen hyphenartigen ICH, welches polypenartig Informa tionen einfängt (Monitoring), um sie sodann zentral verarbeiten zu können. Dafür sind aber viele Perso nen an vielen Orten wesentlich besser geeignet, die der Zentrale ihre Erkenntnisse übermitteln, als ziel los herumirrende hypothetische Trümmeriche ohne zentralen Mittelpunkt.
Aber G's ICH-Polyp ist weit weniger futuristische als es scheinen mag - er ist schlicht und einfach deduk tiv (für eine Hypothese werden passende Wahr scheinlichkeitselemente gesucht) und formalistisch (wenn auch nicht mehr dogmatisch) und hat mit Bewußtseinserweiterung im eigentlichen Sinn über haupt nichts zu tun. Man kann also zusammenfas sen: G. hält nach wie vor am ICH fest, versucht aber auf originelle, jedoch nicht nachvollziehbare Weise die ICH-Fähigkeiten zu lateralisieren (Translation) - der fraktale Bezug paßt hier nicht.
K. wagt sich da schon weiter vor. Er postuliert einen META-MIND (meta/gr: Zwischen-/ Um-/ Mit-). Eine Zwischen-/Um-/Mitinstanz, welche die fraktalen ICHE ausschwärmen läßt (bildlich gesehen), um neue Informationen (Kreativität, Intuition) aufzugrei fen. Diese hypothetische Instanz ist kein ICH mehr, sondern ein NICHT-ICH, welches mit magischem und schamanistischem (aber immer noch evolutio närem) "Wissen" ausgestattet ist. Aber es IST und BLEIBT nach wie vor ein reflektorisches ETWAS, welches den Sprung zur POST-Evolution ohne Hilfe (?) nicht schaffen kann. Sowohl bei G. als auch bei K findet keine (das Evolutionäre übersteigende) Bewußtseinserweiterung statt. Emergenz und Fulgu ration sind materielle Aspekte. Daher wird bei K. wohl das materielle Bewußtsein (dem wir eigentlich schon ein bißchen entwachsen sind) bis an seine Grenze ausgeschöpft (was eine gewaltige Leistung sein dürfte), aber wir entrinnen all dem nicht, was man unter dem Begriff "Materie" subsumieren kann. Erzeugt G. mit seiner Theorie lediglich Unordnung, die er dadurch ordnet, indem er sich auf das ICH wieder zurückzieht (das sind leere Kilometer), greift K. nach dem Unbekannten (dem Fehler), ohne es wirklich fassen zu können. Aber: Ist es bei G. nur ein SO TUN ALS OB, hat K. offensichtlich eine Türe nach außen aufgestoßen, welche bereits eine Vorahnung von dem zuläßt, was dem Menschen an Möglichkeiten noch offenstehten könnte. Es ist ein Zwischenschritt - vermutlich sogar ein sinnvoller - aber wer weiß das schon wirklich?
Der Fehler auf der Suche nach dem Bewußtsein (generell gesehen) liegt wohl daran, daß noch immer aus der Position des ENGEN interpretiert (re-flektiert) wird. Man deutet zwar an, der Empirie einen Schritt voraus zu sein - dennoch, plakativ ausgedrückt, ist es immer noch ein "sehr knapp hinter mir Sein". Erst wenn das ENGE von der Warte des WEITEN interpretiert wird, ist es gerechtfertigt, von einem "von mir Sein" (Loslassen vom ICH) zu reden.
SCHLUSSWORT
Viele Begriffe sind konnotativ geprägt. So ist das ICH ein Zentrumsbegriff (eng, lokal), um den sich die Umwelt (das Weite) anordnet. Dem Weiten kann daher der Begriff ICH niemals zugeordnet werden (auch nicht fraktal) - dies wäre unseriös. Bewußtsein hingegen ist ein Begriff der grenzenlosen Weite - und an sich körperlos. Das ICH ist ein Konstrukt von Zeit - aber was ist schon die Zeit: EIN MASS. Hebe es auf, und du spürst die Ewigkeit (Ruak).
Artikel aus: FOCUS Newsletter Nr. 2/1994, S. 17-19 (Mai 1994)
