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BEWUSSTSEIN IST UNTEILBAR
Ein Diskurs

Dr. Gerhard Batik und Dr. Rudolf Kapellner

Batik: Um es vorweg zu sagen: Wer auch immer Geist und Bewußtsein zu definieren versucht und meint, daß es ihm endlich gelungen sei, diesen Phänomenen jene Grenzen zugewiesen zu haben, die ihnen zustehen, dem ist ein gewaltiger Irrtum unterlaufen. Auch ein Multi-Mind-Modell kann dies nicht schaffen. Die Hypothese, daß wir unseren Mind häufiger als unsere Kleidung wechseln und unzählige Teil-Geister unseren Alltag in Unordnung bringen, ist zwar introspektiv irgendwie nachvoll ziehbar, dürfte jedoch weit am Ziel vorbeischießen. Würde obige Hypothese der Wahrheit entsprechen, könnte man die Spezies Mensch mit ruhigem empi rischen Gewissen als generell "geisteskrank" einstufen. Als Erklärung für die Sprunghaftigkeit des Denkens reicht diesbezüglich unser oft unkontrolliert wechselnder Aufmerksamkeitsgrad vollkommen aus.

Allerdings: Untersuchungen haben gezeigt, daß wir keineswegs so denken, wie wir sprechen. Ehe wir einen mehr oder weniger kausalen Sachverhalt arti kulieren, dürften sich von unserem "formallogischen Verstand" unkontrollierbare, objektiv nicht nachvoll ziehbare (sich unserer "Alltagsaufmerksamkeit" entziehende) "Denkprozesse" abspielen. Es scheint, als würde aus einer Gesamtheit von nichtlinearen, freischwebenden Möglichkeiten (Bewußtsein ?) seitens einer geheimnisvollen Kraft eine lineare Symbolik zusammengesucht werden, die wir sodann produzieren (A. Bergson über diese Kraft: "Instinkt: Er könnte uns sagen, wie es funktioniert - aber er hat keine Sprache"). Dies sind aber keine Teil-Geister, sondern empirisch unauffindbare Inhalte eines unteilbaren Etwas.

Kapellner: "Multi-Mind" ist ein Modell, und will das Phänomen GEIST weder begrenzen noch erklären (das wäre wirklich zuviel der Ehre!) Die Auseinan dersetzung mit diesem Modell beinhaltet einen Kunstgriff: Mit Multi-Mind wird dem Ich, das sich bisher allein und unangefochten gesehen hat (das "Mono-Ich"), die Möglichkeit eines zweiten, anderen Ich's eröffnet. Dabei darf das alte Ich die bisherigen Muster durchaus aufrecht erhalten, und braucht nicht in Angst und Panik zu verfallen. Dennoch: wird ein zweites Ich erlaubt, sind weitere ebenfalls möglich, und so kommen wir zum Multi-Mind. Der Kunstgriff besteht darin, damit etwas in Gang zu setzen, was sonst nur gegen massiven Widerstand des Ich erkämpft werden muß: die Relativierung und letztliche Auflösung des Mono-Ich.

Nebenher: Selbstverständlich erscheint, daß der geistige "Urgrund" unseres Denkens dem empirisch orientierten Denken selbst unzugänglich ist. Ich vermute, daß diese tieferliegenden Denkprozesse den chaotischen (nichtlinearen) Gesetzmäßigkeiten folgen, und auch daher formallogisch-empirisch nicht gefaßt werden können.

Und übrigens: Was als geisteskrank bezeichnet wird, war und ist immer eine Frage des Stand punktes gewesen; für mich erscheint das Mono-Ich heute als das eigentliche Geisteskranke....

Batik: Der Gedanke, Geist zu multiplizieren oder in kleine Stückchen zu zerlegen, um eine Zukunfts-Intelligenz zu evolvieren, meint einen Geist, der das Phänomen GEIST nicht sein kann. Ninetisch gese hen, gibt es diese Zukunfts-Intelligenz ohnehin schon - nur, wir haben sie noch nicht zugelassen. Um es anders zu formulieren: Das simple, konditionierte und angepaßte ICH sitzt wie eine fette Made hinter dicken, hohen Mauern und beäugt mißtrau isch das hypothetisch Multiphrene, mit dem man ihm verfremden will, daß es innerhalb seiner ICH-Grenzen etwas gibt, was nicht von Grenzen umgeben ist. Ein ICH kann nicht von einem ICH-Konstrukt evolviert werden - Translation: JA, Transformation: NEIN!

Kapellner: Selbstverständlich ist Zukunftsintelligenz als Möglichkeit (Potential) immer vorhanden und bräuchte nur zugelassen werden, was das "fette Ich" zu verhindern bemüht ist, weil es damit sich selbst aufgeben müßte. Mit Multi-Mind wird das konditionierte Mono-Ich abgelöst, und Zukunftsin telligenz kann als etwas, das schon immer hinter den Mauern des Ich dagewesen ist, auftauchen. Mono-Ich und Multi-Mind sind auf einer Begriffs ebene gelagert, Zukunfts-Bewußtsein und SELBST auf einer weit umfassenderen, übergeordneten Begriffsebene. Multi-Mind betrifft daher aktuell nur das Mono-Ich, bewirkt jedoch als Folge ein Auftau chen/Hervortreten - weil Zulassen von etwas Trans-Ich-haften, das dem SELBST entspringt.

Batik: R.Kapellner hat im Newsletter 1/94:14 fünf Aspekte aufgezählt, die zur Ausbildung dieser "neuen" Intelligenz erforderlich wären. Diese sollen nun einer näheren Betrachtung unterzogen werden, wobei für den Begriff MIND der Begriff INTELLIGENZ gesetzt wird. Dies kann natürlich als ein Will kürakt angesehen werden. Es darf jedoch darauf hingewiesen werden, daß sich bis zum heutigen Tag sowohl der Begriff MIND aber auch jener der INTELLIGENZ einer objektiven Definition erfolgreich entzogen haben.

Batik: Punkt 1: Erkennen und Aufbau der Multi-Intelligenz:

Zitat nach RK: "Ausgehend von der eigenen Multi-Intelligenz tritt die allgemeine Vielfältigkeit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die normierte Iden tität verändert sich zu einer unscharfen, überra schenden und komplexen Persönlichkeit".

Schwachpunkt dieser Aussage: Wie soll eine ALL-GEMEINE Vielfältigkeit die NORMIERTE (allge-meine) Identität verändern? Das ALLGEMEINE ist die NORM! Die NORMIERTE VIELFALT streut zwi schen künstlich erfundenen Grenzen (Gauß'sche Normalverteilungskurve). Die obige Schlußfolgerung ist daher ein Trugschluß - es verändert sich nichts. Wir befinden uns nach wie vor in der objektiven (geistlosen) Welt der Empirie. Logische Folge: Punkt 2, Manipulationswunsch.

Anm. Kapellner: "Allgemein" steht hier für "überall vorhandene Vielfalt/Vielheit", welche auch in der Welt des Geistes vorhanden ist. Das Ich ist jene willkürlich begrenzte Hervorhebung aus der Viel heit/Vielfalt, mit der wir uns indentifizieren. Diese Identifikation wird mit Multi-Mind aufgeweicht, durchbrochen. Es treten viele weitere "Minds" auf, deren "Handhabung" mit herkömmlichen Ich-Methoden nicht mehr möglich ist.

Batik: Punkt 2: Installation einer Meta-Intelligenz

Zitat nach RK: "Mit Meta-Intelligenz ist jene Fähigkeit gemeint, die die Gesamtheit der einzelnen Intelli genzen überschauen kann und die Aufgabe hat, diese Intelligenzen auszubilden, zu koordinieren, zu wechseln und auf fließende Prozesse umzustellen".

Schwachpunkt dieser Aussage: Auch einer (allgemein "unscharf" begrenzten) Zwischenintelli genz dürfte es schwer fallen, die GESAMTHEIT der einzelnen Intelligenzen zu überschauen. Das Produkt aus 1) und 2) wäre demnach: Eine "allge-mein" unscharfe Zwischenintelligenz (die sich dennoch nur innerhalb von vorgegebenen "allgemei-nen" Grenzen bewegen kann) stellt die Gesamtheit der einzelnen Intelligenzen auf fließende Prozesse um. Nehmen wir an, es sei so: die Folge ist Chaos. Chaos liegt dann vor, wenn die NORM ihre Gültig keit verliert (die Norm zerfällt in viele instabile, "allgemein" nicht mehr vorhersagbare Systeme).

Anm. Kapellner: Genau um dieses Herbeiführen von Chaos geht es! Wobei mit Chaos jene höhere Ordnung gemeint ist, die für werdende Prozesse gilt. Der Prozeß der De-Identifikation vom Mono-Ich wird dadurch weitergeführt.

Batik: Punkt 3: Training auf Komplexität und sprunghafte Chaotik:

Zitat nach RK: "Intelligenztrainings und entspre chend geeignetes Instrumentarium ermöglichen den Schritt zur kreativen Selbst-Programmierung und zu Selbst-Simulation von Veränderung. Der Umgang mit den verschiedensten geistigen Fähigkeiten, virtuellen Simulationsspielen, vielfältigen Bewußt seinszuständen, körpereigenen Drogen etc. wird all-täglich. Der Geist wird fähig, sich selbst zu formen, entsprechend den zukünftigen Anforderungen".

Schwachpunkt dieser Aussage: Unter der Annahme, daß das "geeignete" Instrumentarium zur Verfügung steht, ist es bemerkenswert, daß aus Multi-Geistern plötzlich doch wieder ein Mono-Geist wird, der sich selbst "kreativ" in FORM bringt. Es wird augen scheinlich: Die Abfolge der Konzeption bewegt sich auf zwei Ebenen, zwischen denen genau das liegt, was RK offensichtlich nicht in den Griff bekommt. Logische Folge: Punkt 4, Selbsttäuschung.

Anm. Kapellner: Der Prozeß, der dabei abläuft, könnte so beschrieben werden:

  1. viele Ichs werden zugelassen (Multi-Mind);
  2. ein "regieführender Meta-Mind" wird erstmals installiert;
  3. es wird entdeckt, daß dieser Meta-Mind ebenfalls ich-haft ist, also nichts anderes als ein weiteres Ich ist, und damit auch zum Viel-Ich gehört;
  4. dieser Prozeß des wird solange fortgeführt, bis jene Instanz erlebbar wird, welche hinter dem Viel-Ich steht, ja dieses hervorbringt: das SELBST;
  5. Das SELBST ist Trans-Ich, kann jedoch die einzelnen Ich-Aspekte formen und programmieren. Das ist der META-MIND, von dem ich spreche, durch Sprache eigentlich nicht erfaßbar. Die vermeintliche Selbsttäuschung ist treibendes Moment des Prozesses.

Batik: Punkt 4: Aufbau von intelligenter (mentaler) Kraft:

Zitat nach RK: "Mit dem Erschließen und Entfalten der intelligenten Fähigkeiten erwirbt sich der Mana ger NEUARTIGE intelligente Fitneß, welche ihn befähigt, co-evolutioär zu handeln, also mit seiner eigenen Evolution die kollektive Evolution mitzuge stalten." Läßt man bei dieser Aussage das Attribut NEUAR TIGE weg, so ergibt sich eine unbestreitbare Tatsa che. So aber ist man gezwungen, sich auf die Suche nach der NEUARTIGKEIT zu begeben: Pt. 5.

Anm. Kapellner: Dieses geistige Potential ist für das heutige Alltagsbewußtsein wohl neuartig, für das SELBST (META-MIND) ist es unbestrittener weise nicht neuartig. Eine Frage des Blickwinkels...

Batik: Punkt 5: Etablierung von Zukunfts-Bewußtsein

Zitat nach RK: "Die NEUE geistige Dimension, die durch Intelligenz-(Mind)Management eröffnet wird, hat die Kompetenz, in der Welt des Geistes und des Bewußtseins effizient zu agieren und neues, heute noch ungeformtes Bewußtsein von der Welt der Möglichkeiten (Potentialität) in unsere Realität zu transformieren".

Schwachpunkt dieser Aussage: Es gibt keine Tech nik, die es dem Menschen ermöglichen könnte, Bewußtsein an sich zu formen. Man kann es nur zulassen, indem man vom ICH losläßt.

Die abschließende Feststellung Kapellners, daß der Inhalt des Buches "Wie der Geist überlegen wird" obiges ausführlich erläutert und Orientierungen angeboten werden, stimmt zwar, das Beharrungs vermögen des Phänomenalen wird jedoch hievon in keiner Weise berührt. Der Kreis bleibt geschlossen - der Einstieg weiterhin verborgen. RK hat ein Gebäude errichtet, welchem der erste Stock fehlt. Allerdings, in RKs Argumentation schwebt etwas mit, was nur in den Zwischenräumen der Worte zum Ausdruck kommt. Dies aber IN Worten zu symboli sieren, zählt wohl zu den schwierigsten Aufgaben, die man sich stellen kann.

Anm. Kapellner: Jeder, der sich mit Bewußtsein und Bewußtseinserweiterung beschäftigt, weiß: alle diese Prozesse beinhalten einen paradoxen Schritt: Die angewendete Methode ist zwar unerläßlich, um an Bewußtseinsveränderung heranzukommen (Schritte des TUNs), diese kann jedoch erst dann erfolgen, nachdem man die Methode selbst losge lassen hat (Schritt des NICHT-TUNs) und jenes (immer schon dagewesenes) Bewußtsein zuläßt. Dies gilt für Multi-Mind wie für Mind Management allgemein: Das TUN ist unerläßlich, doch erst durch NICHT-TUN geschieht der entscheidende Schritt ("doing by non-doing"). Das ist das Stockwerk, das fehlt, das ist der Schritt, der sprachlos bleiben muß...


Artikel aus: FOCUS Newsletter Nr. 4/1994, S. 17-19 (Dez. 1994)