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DER TANZ DES BAUCHES

Dr. Fawzia Al-Rawi

Ich verbinde mit Bauchtanz so viel persönliche Geschichte, daß ich eigentlich bis in meine Kindheit zurückgreifen müßte, um ein ganzheitliches Bild zu zeigen. Dieser Tanz ist für mich mittlerweile eine Lebenseinstellung und Symbol eines Lebensbewußtseins geworden. Viele Dinge, die ich im Laufe meines Lebens gesehen und erlebt habe, mündeten in diesem Tanz, und er ist ein treuer Begleiter in meinen verschiedenen Lebensphasen. Wenn ich tanze, schwingen alle meine Erfahrungen und Erlebnisse, die ich als Mädchen, als Frau und als Mutter, erlebt habe, mit. All die Menschen und besonders die Frauen, die mein Leben prägten und prägen. Der Tanz wächst mit mir, wie ich als Mensch und Frau wachse und jedes Mal, wenn mein Körper mich ruft und die Sehnsucht mich überkommt, tanze ich im Augenblick, im intensiven Moment des Seins. Doch es ist jedes Mal anders und jeder Tanz vollkommener, als der vorangegangene.

Bauchtanz ist eine Kunst und wie jede Kunst besteht sie aus drei Faktoren: der Theorie, der Praxis und als wichtigsten Faktor, dem Herzen, ohne das keine Kunst bestehen kann. Im wesentlichen ist der Bauchtanz eine Improvisationskunst, die von der individuellen Ausdrucksweise und Lebenseinstellung sowie der Kreativität der Tänzerin lebt. Die Ausübung dieses Tanzes ist zum Großteil eine individuelle, aus der jeweiligen Persönlichkeit.

Gewachsenen Intuition und Schöpfung, dessen Meisterin das Leben selbst ist. öber die Philosophie dieses Tanzes ist sehr wenig bekannt, eine Philosophie, die sich in jeder seiner Grundbewegungen ausdrückt, und die in sich so alt sind, wie der Mensch selbst.

Der Bauchtanz ist ein Isolationstanz, bei dem die einzelnen Körperteile bzw. -zentren isoliert, also einzeln und unabhängig voneinander bewegt werden, um schließlich gemeinsam eine Einheit zu bilden. Wie ein Fluß aus einzelnen Tropfen bestehend, als ein harmonisches Ganzes fließt und seine Kraft immerwährend aus der Quelle schöpft, so ist die Quelle des Bauchtanzes, wie der Name schon sagt, der Bauch. Die Kraft für die Bewegungen holt sich die Tänzerin aus dem Bauch, aus dem unteren Teil des Körpers, dem Zentrum ihres Gleichgewichts. Dieser im Unterbauch konzentrierte Schwerpunkt verbindet sie mit der Erde, auf der sie tanzt und bettet sie in einen größeren Energiekreis ein. Jede einzelne Bewegung, und sei sie mit den Fingern geformt, holt sich die Tänzerin aus der Mitte des Körpers, aus dem Bauch. Und jede Bewegung, und sei sie noch so klein, sehnt sich auch zu diesem Zentrum zurück. Der ganze Körper schwingt um diese Lebensmitte, dem Nabel der Welt.

Für den Bauchtanz braucht man nicht viel Platz, denn der Raum, in dem sich dieser Tanz manifestiert, ist der Körper selbst. Die Bewegungen des Bauchtanzes kommen aus den Gelenken des Körpers, sie sind wellenartig und kreisen, und der Rumpf wird durch sie sanft geknetet und massiert. In den meisten europäischen Tänzen wird der Rumpf kaum bewegt, und es sind die Gliedmaßen, die den Tanz ausdrücken. Beim Bauchtanz ist es fast umgekehrt. Durch die Bewegung des Rumpfes, des Bauches, der Hüften und des Beckens wird eine Frau intensiv mit ihrer sexuellen Kraft konfrontiert. Doch ein Tanz, der die sexuelle Kraft und Stärke aufleuchten läßt, sollte nicht vermieden werden, denn diese Quelle ist von großer Wichtigkeit für eine Frau. Indem sie tanzt und erlebt, gibt sie sich die Möglichkeit, sich selbst und ihrer Urquelle näher zu kommen, ihre Energie fließen zu lassen und aus sich selbst zu schöpfen. Diese Lebensenergie ist nicht nur die, aus der ein neues Lebensgefühl entstehen kann, sondern auch die Quelle für ein intensives Lebensgefühl und die Lust am Leben schlechthin. Der Bauchtanz verleiht dieser Macht der weiblichen Sexualität Ausdruck und versinnbildlicht sie in ihren Bewegungen. Der Bauchtanz gibt der Frau die Möglichkeit, sich selbst zu erforschen, sich kennen und verstehen zu lernen. Er zeigt ihr mehr als Worte und Gedanken; dies könnten ihre Einstellungen und ihre Gefühle zu sich selbst, zu ihrer Sexualität, zu Männern, zum Muttersein und zu anderen Frauen sein. Er gibt ihr die Möglichkeit, mit der ewigen Frau in ihr zu kommunizieren, sich selbst zu akzeptieren und lieben zu lernen. In seinen Bewegungen drückt die Frau ihren Mut zu lieben und zum Leben aus, und das Wissen, daß Frauen seit Anbeginn der Welt die gleichen Bewegungen, wie sie jetzt geformt haben, geben einer Frau Vertrauen und Zuversicht zu sich selbst, in ihr Frausein und in das Leben selbst. Welche Qualität die Bewegungen vermitteln, hängt ganz von der Selbsteinschätzung der Tänzerin ab. Und es ist sie, die ihn hinüberträgt in die Welt der großen Sinne, wo er Ausdruck von Stolz und Würde bekommt, durch das Wissen um die eigene Lebenskraft, oder ob sie ihn in der Welt der profanen Versuchung weilen läßt.

Heutzutage wird leider mit dem Bauchtanz immer nur der eine etwas verruchte Aspekt verbunden, und er ruft bei vielen Menschen ein etwas höhnisch abwertendes Schmunzeln hervor, bei dem man beschämt an seine eigene Sexualität erinnert wird. Auch dieser Teil besteht, aber er ist eben nur ein Aspekt und zeigt nicht die ganze Fülle und Schönheit dieses Tanzes, seine tiefe und wahre Bedeutung. Unbestreitbar übt der Bauchtanz eine Faszination auf den Mann aus; das pulsierende Leben, das durch die Frau in den Tanz fließt, die Weiblichkeit und Sinnlichkeit, die so klar und kraftvoll durch diesen Tanz zum Ausdruck kommt, kann niemanden kalt lassen. Kein Wunder, daß die Begeisterung für das Lebensgefühl und den Lebensrhythmus der Frau im Tanz die Männer dazu verleitete, auf Geheiß tanzen zu lassen. Durch den Bauchtanz kann die Frau den Mann in ihre Welt hinüberbringen, ihn zum Mitreisenden machen. Durch dieses visuelle Ausdrucksmittel kann sie ihm, besser als alle Worte, ihre Gefühle, ihre Würde, ihr sexuelles Wissen vermitteln, ohne sich dabei herabzulassen, Reklame dafür zu machen. Denn beim Bauchtanz arbeiten Geist und Körper Seite an Seite, eine denkende und fühlende Frau zeigt sich hier; und durch ihr eigenes Vergnügen kann sie auch Vergnügen vermitteln.

Die meisten orientalischen Frauen können Bauchtanz, ohne dies jemals in einer Tanzschule gelernt zu haben. Eine gewisse Unbefangenheit ihrem Körper und ihrer Weiblichkeit gegenüber erlaubt es ihnen, in diesem Tanz, in seinen uralten Bewegungen der schwingenden Hüften und kreisenden Becken aufzugehen und sich wiederzufinden. Es ist ihr Tanz, weitergegeben von Mutter zu Tochter, mit dem Wissen, daß dieser Tanz wichtig ist für ihren Körper, ihr Frausein und ihre Seele. Spielerisch tanzend versinnbildlichen sie für ihre Töchter die Macht und die Stärke der weiblichen Sexualität. Sie zeigen sich gegenseitig und ihren Töchtern, wie sie ihre Sinnlichkeit entfalten können, indem sie füreinander tanzen und ihre Gefühle und ihren Körper am Leben schmiegen. Durch den Bauchtanz geben sie der Lust am Leben und am neuen Leben einen Rhythmus und einen Ausdruck. Sie stärken durch ihn die Bauchmuskeln ihrer Töchter, zeigen ihnen einen Weg, sich selbst zu heilen und zu kräftigen und ein natürliches Verständnis und vor allem eine Liebe gegenüber ihrer Weiblichkeit zu bekommen. Es heißt, daß der Ursprung jeder Schwäche und Krankheit im Bauch liegt, und durch die Kräftigung des Bauches wird so manche Krankheit vermieden. So wurden auch Frauen zu ihren eigenen érztinnen und Heilerinnen. Durch diesen Tanz wurde auch wortlos eine Philosophie übertragen, eine Philosophie, die aus den Lebenserfahrungen der Frauen entstand; und da sie tanzend übertragen wurde, war die Freude am Leben eines der wesentlichsten Aspekte und half der Seele in den schwierigsten Lebenslagen, trotzdem ein Licht zu sehen und zu lachen.

Im Nahen Osten wußte man Bescheid über die Größe und Kraft der Sexualität der Frau und es käme niemandem in den Sinn, sie zu unterschätzen oder zu ignorieren. Der Bauch als vitales Zentrum, als erste Lebensstätte des Menschen, wurde geehrt und die Rundungen des Bauches als erotisch und sinnlich angesehen, als Symbol der Sexualität und des Lebens. Die Einstellung zur Sexualität der Frau war ambivalent: einerseits erkannte und schätzte man diese Kraft, und andererseits fürchtete man sie und versuchte, sie mit Schleier und Absonderung in Schach zu halten. Innerhalb der Familie durfte die Frau Verführerin, Ratgeberin und allumhüllende Mutter sein, sie genoß Achtung und Bewunderung und konnte ihre Weiblichkeit voll ausleben; doch nach außen hin konnte sie nur indirekt Einfluß nehmen. In dieser Welt lebte der Bauchtanz weiter in seiner ursprünglichen Form, in seiner Sinnlichkeit, seiner Kraft und seiner Würde.

Im Westen hingegen fühlten sich die Männer von den sexuellen Trieben der Frau so bedroht, daß sie ihr Vorhandensein einfach ignorierten, bzw. zu neutralisieren versuchten, indem sie nur eine "vergeistigte" Frau, die ihre Kraft unter Kontrolle hat, bzw. unterdrückt, existieren ließen.

Doch wenn wir die Lebenskraft ignorieren, so vermeiden wir damit auch die Lebenslust, das Lebendige, dessen Symbol der Körper, ja die ganze Natur ist, und wir vermeiden auch die andere Seite des Lebens, den Tod. Wir schützen uns zwar damit vor den Tiefen, aber wir können auch die Höhen nicht ganz erklimmen. In den Wellenbewegungen des Bauchtanzes, in seinen schwingend-rhythmischen Formen, die älter sind als jede Frau und der Mensch überhaupt, können wir lernen, uns im natürlichen Rhythmus der Erde zu bewegen. Wir können durch ihn lernen, uns Mut zu holen zum öberschreiten unserer eigenen Grenzen. Wir können ihn zum Ritual erheben, das uns hilft zu erforschen und zu erleben, einen Tempel formen, dem wir tanzend uns erfahren und uns selbst und somit allen Menschen näherkommen, uns transformieren in eine Welt, in der jedes Wesen in seiner Einmaligkeit und Mannigfaltigkeit existieren kann und seine Strahlen aussenden.

So tanze, kleine Schwester... denn solange du tanzt, wird allen Anfeindungen zum Trotz dieser Urtanz der Frau überleben und solange es Frauen gibt, wird er pulsieren und leben, und seine stolze Kraft von Frau zu Frau weitergeben.


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